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WELTWEITES WERK
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EINE WEIHNACHT, WIE KEINE ANDERE
Dezember 2004
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Die Ik-Mutter mit ihrem Neugeborenen
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Von Nyx Martinez, Uganda
Wir alle kennen die Geschichte, wie Josef und Maria nach Bethlehem reisten und kein freies Zimmer finden konnten und Jesus in einer Scheune geboren wurde. Und wir haben es auch auf Weihnachtskarten gesehen und in Krippenszenen Maria in ihrem wallenden Gewand, dem meistens gut erhaltenen Stall, das Christkind in makellose weiße oder blaue Windeln gewickelt. Doch wie war es an der ersten Weihnacht wirklich? Ich habe mich das oft gefragt und jetzt, denke ich, habe ich die Antwort gefunden.
Es war fast Weihnachten und ein paar von uns hatten die lange Reise von Kampala, Uganda, in eine abgelegene Gebirgsregion im Norden gemacht. Wir brachten Medizin, Schulmaterial und das Evangelium zu einem primitiven Volk die Ik das vom Ackerbau und der Ziegenhaltung lebt.
So weit wie hier war ich noch nie von der Zivilisation entfernt gewesen. Die Kleidung dieses Volkes hätte nicht einfacher sein können bunte Perlen und ungesäumte Stoffstreifen, die sie über ihre Schulter hingen oder um sich wickelten. Ihr Zuhause waren Lehmhütten. Wir schlugen unsere Zelte innerhalb der Stockumzäunungen ihrer Dörfer auf.
Jeden Tag wanderten wir entlang der Ziegenfährten zu einem anderen Dorf, wo die Leute sich versammelten, um uns zu treffen und mit uns zu reden. Ich hatte ein Whiteboard und farbige Marker mitgebracht und erzählte ihnen Geschichten aus der Bibel, deren Hauptpunkte und -Figuren ich an die Tafel skizzierte.
In der Ortschaft, die wir besuchten, hatte eine Mutter gerade ein Baby bekommen. Ich klopfte an die Tür des »Medizinischen Zentrums«, das aus nicht mehr als vier Lehmwänden bestand.
Beim Eintreten schlug mir der Geruch rauchiger, verbrauchter Luft entgegen. Dort auf dem mit Heu bestreuten Boden neben ein paar heißen Kohlen, sass eine dünne Frau, die einen winzigen Babyjungen stillte, der in ein Handtuch eingewickelt war. Die Mutter schaute mit ängstlichen Augen zu mir auf. »Meine Brüste sind leer,« sagte sie in ihrer eigenen Sprache, und deutete auf das kleine Bündel, das vergeblich zu saugen versuchte.
Etwas Licht strömte durch ein kleines Fensterloch in der Wand. Als ich mich in dem Zimmer umschaute und versuchte mir vorzustellen, wie es wäre unter solchen Umständen ein Kind zur Welt zu bringen, klangen die Geräusche des Dorfes herein das Blöken der Ziegen, das Gelächter der kleinen Kinder und das schwache, kratzige Geplärre eines Radios, das an einen handbetriebenen Generator angeschlossen war, die einzige Stromquelle der Ik.
Ich ging nach draußen und rief schnell Katrina, eine tschechische Sprachwissenschaftlerin, die mitgekommen war, um über die Ik eine Dokumentation zu verfassen. Ich erklärte ihr die Situation, und wir waren uns bald einig, der Mutter alles zu geben, was noch von unserer mitgebrachten Milch übrig war.
Als Katrina die Milch holen ging, fragte ich die Mutter, ob ich das Baby halten könnte. Sie lächelte und reichte es mir. Sein Handtuch löste sich und ich konnte sehen, das es noch ungewaschen und die Nabelschnur noch nicht abgefallen war.
Ein Luftzug kam durch das winzige Fenster. Die Mutter zitterte und zog ihre Tücher enger um ihre Schultern. Unerwartet war die Temperatur in den letzten Wochen gefallen.
Dann dachte ich an etwas aus meiner Kindheit wenn mir das neugeborene Jesus-Baby begegnet wäre, was hätte ich ihm wohl geschenkt? Die Ähnlichkeit dieser Situation schien mich nicht loszulassen. Ach was, sagte ich mir, die Parallele ist absurd. Das hier ist mit Sicherheit nicht das Jesu-Baby, und wir befinden uns hier nicht im Bethlehem von vor 2000 Jahren!
Doch die Wahrheit lag kristallklar vor mir. Spielte es eine Rolle, ob dieses Baby jemand Besonderes war oder nicht? War es nicht egal, dass diese Mutter eine unbedeutende Stammesfrau war, die für den Rest der Welt völlig unbekannt und unwichtig war? Jede Einzelheit dieser Geburt war von Bedeutung für Gott, der in diesem Augenblick vom Himmel herabschaute, stolz und zufrieden mit seiner neuen Schöpfung. Und dies war, ehrlich gesagt, wahrscheinlich ein exakteres Ebenbild der Welt, in die Jesus geboren wurde, als jene, die man auf den meisten Weihnachtskarten, Krippenszenen und Gemälden zu sehen bekommt.
Was hätte ich ihm wohl gegeben? Wieder derselbe Gedanke, gefolgt von Jesus eigenen Worten aus den Evangelien, Wenn du zwei Hemden hast, gibt dem der keins hat.
Abgesehen von der Medizin, der extra Milch und dem Schulmaterial das wir gebracht hatten, gab es eigentlich nur noch die Kleidung, die ich trug, die noch zum Geben übrig war. Und ich hatte zwei Hemden an... und noch jede Menge mehr zuhause. Während ich darüber sinnierte, hielt ich eine Repräsentation jenes wundersamen Christkinds in meinen Armen, dessen Geburt zu dieser Zeit weltweit von Milliarden von Menschen gefeiert wird. Plötzlich spürte ich eine unaussprechliche Freude. Hier war meine Chance, dem Jesus-Baby etwas Echtes wenn auch nichts weltbewegendes zu Weihnachten zu schenken.
Ein Hemd schnell ausgezogen, wickelte ich den Säugling darin vorsichtig ein. Wie hübsch sah das Baby es jetzt aus, und wie stolz schien seine Mutter jetzt zu sein, mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht, das die Dankbarkeit ihres Herzens widerspiegelte.
Die Musik vom Radio draußen war jetzt deutlicher zu hören! Das englische Weihnachtslied »Joy to the world, the Lord has come! Let earth receive her King!« (Freude aller Welt, der Herr ist gekommen! Lass die Erde ihren König empfangen.)
Jesus war wahrlich gekommen. Das hier war keine nachgespielte Bühneninszenierung mit kostümierten Schauspielern. Es kam der ersten Weihnacht so nah, wie es nur ging und es war das erste Mal, dass ich mir richtig vorstellen konnte, wie es wohl damals sein gewesen muss.
Das Lied aus dem Radio klang aus und ein anderes begann. »Die erste Weihnacht, welche die Engel verkündeten, war für die armen Hirten eine kalte Wintersnacht...«
Dort, weit weg von der Zivilisation und dem üblichen Weihnachtsglitter, unter einfachen Ziegenhirten in den abgelegenen Bergen Ugandas, erlebte ich eine Weihnacht wie keine andere.
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