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Titel: "Lese-Ecke": Deine geistige Nahrung - täglich frisch serviert.

DER SPIEGEL

Von Julia Kelly



Das war wieder so ein perfekter Tag, der einen geradezu anfleht, nach draußen zu stürmen, den Morgentau auf dem Gras zu bestaunen und den Glanz der ersten Sonnenstrahlen in sich einzusaugen. Aber ich wachte auf, ignorierte die Szenerie der Perfektion und ging stracks zum Spiegel. Allerdings gefiel mir überhaupt nicht, was ich sah.

Seit Monaten betrachtete ich mich nun regelmäßig in diesem Spiegel. Ich weiß zwar nicht mehr, wo ich ihn fand, aber eines Tages blickte ich hinein und konnte ihn seitdem nicht mehr beiseite legen. Seit langer Zeit war ich auch nicht mehr in der Lage, viel anderes zu sehen. Irgendwie war dieser Spiegel immer im Weg, starrte immer zurück und erinnerte mich an all meine Fehler und Mängel. Der Spiegel konnte mir auch nie etwas besseres zeigen – außer all die Dinge, worin ich nicht genügte, versagt hatte oder irgendwie unterlegen war, und er ließ mich einfach nie allein.

An solch einem tollen Tag wie heute gab es eigentlich genug Gelegenheiten, mit Freunden Spaß zu haben, mit den Kindern zu lachen, jemandem zu helfen – viele Möglichkeiten, um ein gutes Stück vom Glück zu erhaschen. Aber alles, was ich den ganzen Tag lang sehen konnte, war mein eigenes Spiegelbild. Ich war einfach blind für alles andere, verloren in meiner kleinen Welt, die ausschließlich aus mir und meinem Spiegel bestand.

Die Sonne schien hell draußen, aber in mir tobten sich dunkle Regenwolken aus und verschleierten meinen Verstand. Alles, was mir passierte, schien zu bestätigen, dass sich niemand um mich kümmert oder Notiz von mir nimmt. Wieder schaute ich in meinen Spiegel, der mir lauthals bestätigte, dass es wohl nichts liebenswertes an mir gab. Ich hatte zu viele Fehler, um geliebt zu werden oder glücklich sein zu können. Ich beobachtete die anderen, wie sie Spaß hatten, miteinander lachten und tolle Sachen erlebten – aber ich sah sie nur aus der Distanz, während ich in meiner Ecke sass und an meinem Spiegel vorbeispähte. Warum sind sie nur so glücklich? Sehen sie mich denn nicht? Merkt denn keiner, wie schlecht es mir geht?

Aber jedes mal, wenn ich versuchte, aus meiner kleinen Ecke herauszukommen, zeterte der Spiegel, dass es sinnlos sei. Dann zeigte er mir wieder mein Abbild, und ich starrte noch etwas länger und länger hinein. Während die Welt an mir vorüberzog, sank ich immer tiefer in den dunklen Abgrund der Negativität und Hoffnungslosigkeit.

Dann kam mir eine Idee! Warum verdeckst du den Spiegel nicht einfach. Klar hast du Fehler! Und du wirst niemals perfekt sein und immer wieder Fehler machen. Na und? Du kannst ja nicht dein ganzes Leben lang die Hoffnung aufs Glück ignorieren, nur weil du nicht all die Qualitäten hast, die du gerne hättest. Vergiss dich selbst und konzentrier dich auf andere. Ignoriere den Spiegel und dann schau mal, wie viel glücklicher du sein wirst!

Es kostete mich viel Kraft, aber schließlich verhüllte ich den Spiegel. Zuerst fühlte ich mich unsicher – so ganz ohne meinen Spiegel und die Möglichkeit auf ihn zurückzugreifen. Ich fühlte mich entblößt, so verletzlich. Zuerst fühlte ich mich bei dem Gedanken unwohl, ob die Menschen mich so akzeptieren würden, wie ich war, mit Fehlern, Schwächen und allem. Ich bemerkte jedoch bald, je mehr ich jetzt »ich selbst« war und auf andere zuging, desto glücklicher wurde ich – so schwierig es auch anfänglich war. Die dunklen Regenwolken in meinem Kopf wurden durch helle, wärmende Sonnenstrahlen von gesegnetem, bleibendem Frieden ersetzt.

Der Spiegel ist immer noch da. Er wird wohl auch nie verschwinden, aber ich halte ihn jetzt aus meinem Blickfeld heraus. Die Gefahr, ihn aufzuheben und wieder davon betört zu werden, wird immer gegenwärtig sein. Ohne weiteres könnte ich wieder in genau den Zustand zurückfallen, in den ich einmal war – depressiv, zurückgezogen, introvertiert und von mir selbst eingenommen. Aber jedes mal, wenn ich den Drang habe, in den Spiegel zu schauen, erinnere ich mich daran, wie viel glücklicher ich bin – jetzt nachdem ich meine Fehler akzeptiert habe und entschlossen bin, mich nicht mehr von meinen Schwächen runter ziehen zu lassen. Ich werd wohl nie genau das sein, was ich mir wünsche, aber es gibt jetzt viel, das ich anderen geben kann. Und das geht nur, wenn ich nicht mehr in den Spiegel starre.

Als ich heute Morgen aufwachte, regnete es in Strömen. Der Donner grollte und man konnte die Sonne vor lauter düsteren Wolken nicht sehen. Draußen war es ein miserabler Morgen, aber in meinem Herzen hatte ich heute vormittag Sonnenschein und einen strahlend blauen Himmel. Der heutige Tag war einfach perfekt!


Julia Kelly ist eine vollzeitige ehrenamtliche Mitarbeiterin mit The Family International in den USA


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