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Titel: "Lese-Ecke": Deine geistige Nahrung - täglich frisch serviert.

REINEN TISCH MACHEN!


von Andrea Clay


Ich war ein junges Mädchen von gerade mal 14 Jahren, als Gabriel und ich uns das erste Mal getroffen haben. Er war nicht sehr viel älter und das Erwachsenwerden machte ihm genauso viel zu schaffen wie mir. Wir wurden Freunde und hatten viel Spaß miteinander.

Was dann zwischen uns passierte, kann ich mich kaum noch richtig erinnern. Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit und es fielen raue Worte und Tränen flossen. Ich wünschte mir, ich hätte alles wieder ins Lot zu rücken können, wusste aber nicht wie. Es schien alles zu komplex zu sein, um die Dinge ins Reine zu bringen. Der Abstand zwischen Gabriel und mir wurde immer größer.

Die Jahre verstrichen und wir verloren uns aus den Augen. Dann, im April 1998, erfuhr ich von gemeinsamen Freunden, dass Gabriel im Koma lag. Er war 30 Meter tief beim Bergsteigen abgestürzt. Mein Herz stockte. In dem Moment wusste ich, dass ich ihn in diesem Leben nie wieder sehen würde. Die Ärzte taten, was sie konnten, doch Gabriel starb ein paar Wochen später.

Für etliche Zeit danach lag ich nachts mit dem Wunschgedanken wach, dass ich unsere Querelen irgendwie hätte klären können. Ich war mir sicher, dass es noch irgendwie eine Chance gäbe. Ich fragte mich, ob er mir für den Schmerz vergeben hatte, den ich ihm zugefügt hatte. Ich fragte mich, ob er, wenn er vom Himmel herunterschauen würde, den Schmerz in meinem Herzen sehen und verstehen könnte.

Dann bekam ich eines Nachts die Antwort auf meine Frage. Es war keine lange oder wortgewandte Antwort, aber es reichte, meine Gefühle der Reue wegzufegen, die mich die ganze Zeit bedrückt hatten. Vernehmlich hörte ich eine Stimme in meinem Kopf – Gabriels Stimme – die sagte: » Du bist für mich immer ein guter Freund gewesen!« Da wusste ich, dass mir alles vergeben war. Mein Herz hatte Frieden.

Von da an schwörte ich mir, niemals einen Tag zu Ende gehen zu lassen, ohne reinen Tisch mit denen zu machen, die ich vielleicht verletzt oder brüskiert hatte, denn andernfalls würde ich vielleicht nie wieder eine zweite Chance dafür haben. Heute ist vielleicht die letzte Möglichkeit in diesem Leben, jemandem zu sagen, dass ich an ihn denke und ihn lieb habe; die vielleicht letzte Chance alles wieder ins Reine zu bringen.

Andrea Clay ist vollzeitige Mitarbeiterin von Die Familie.



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