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Titel: "Lese-Ecke": Deine geistige Nahrung - täglich frisch serviert.

DER REGENSCHIRM!

Von Tomoko Matsuoka




Der bevorstehende Regen hing schwer in der Luft, als ich mich auf den Weg zur Stadtmitte machte. Nach einem flüchtigen Blick auf die tief hängenden, schweren Wolken am Himmel schalt ich mich im Stillen selbst, dass ich keinen Regenschirm mitgenommen hatte. Es schien, als ob in ein oder zwei Minuten der Himmel aufbrechen würde, aber zwei Minuten kamen und vergingen. So konzentrierte ich mich auf das, was ich noch zu erledigen hatte und machte mich dann auf den Rückweg nach Hause.

Am Bahnübergang verließ mich dann mein Glück. Riesige Tropfen fielen vom Himmel, als ich auf die bald vorbeifahrenden Züge wartete, um die Schienen überqueren zu können. Drei Züge kündigte das Signal an. Ich würde also fünf Minuten im Regen stehen und die Leute um mich herum hatten alle Schutz unter ihren Schirmen gefunden.

»Typisch«, dachte ich, aber ich beschloss, mich dadurch nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Zudem war es nicht das erste Mal, dass mir so etwas passierte. Zwar nicht exakt die gleiche Situation, aber unter ähnlichen Umständen, in denen ich unvorbereitet vom Regen überrascht worden war. Jedes mal hatte ich angesichts der Nässe und der Leute, die mich dann anstarrten, eine Maske der Gleichgültigkeit aufgesetzt. »Ja ja, ich finds toll, klitschnass zu werden!«, war ich versucht, auszurufen. Vielleicht sollte ich mir nächstes Mal doch noch ein dementsprechendes Schild um den Hals hängen.

Eine Frau mittleren Alters kam auf mich zu und stellte sich neben mir. Es war nichts Auffälliges an ihr und ich hätte sie nicht weiter bemerkt, wenn nicht folgendes geschehen wäre. Als sie so neben mir stand, hielt sie still und leise ihren Regenschirm über uns beide, um auch mich vor der Nässe zu schützen. Ich wurde aus meiner gespielten Gleichgültigkeit angesichts des Schauers herausgerissen und dankte ihr überschwänglich. Sie lächelte, sagte aber kein Wort. Ich fragte mich, was ich denn sonst noch sagen könnte. Aber während wir dort standen und auf den Zug warteten, wurde mir klar, dass es eigentlich keiner weiteren Worte mehr bedurfte. Die freundliche Dame war einer dieser Menschen, für die ein Akt der Freundlichkeit eine Selbstverständlichkeit war. So überquerten wir die Schienen zusammen und gingen dann getrennte Wege.

Mit der Zeit ergaben sich kleine Gelegenheiten, bei denen mir bewusst wurde, dass ich die Wahl hatte, entweder etwas zu tun, anderen zu helfen, oder die Chance ungenutzt vorbeiziehen zu lassen – Gelegenheiten, anderen Gottes Liebe zu zeigen, so wie sie die nette Dame am besagten Tage mir erzeigte: meinen Platz im Zug anbieten; einer Mutter helfen, den Kinderwagen die Treppe hochzutragen – eben Kleinigkeiten. Immer wenn ich von dem Gedanken versucht wurde, dass es eigentlich wenig Sinn macht, fremden Leuten gegenüber nett zu sein, überzeugte mich immer wieder die Erinnerung an die freundliche Dame, die ihren Regenschirm mit mir teilte.

Und noch wichtiger: mir wurde klar, dass jeder extra Schritt, jede freundliche Tat, jedes liebevolle Wort, das ich sprach, scheinbar unbedeutend sein mag, doch kann sich dadurch eine Welt von Liebenswürdigkeiten für diejenigen öffnen, die meinen Weg kreuzen. Du glaubst es nicht? Welchen Unterschied macht das schon? Nun, ich denke, die Dame hatte jene Liebenswürdigkeit wohl längst vergessen, die sie einem nassgeregneten Jugendlichen vor vielen Jahren erwies – untergegangen in den zahllosen Freundlichkeiten, die sie ohne Zweifel seit jener Zeit begangen hatte – aber ich habe es nicht vergessen.

Tomoko Matsuoka ist Vollzeit-Mitarbeiter der Family International in Japan


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