Es ist schon einige Jahre her, als mein Mann und ich einen Winter in England verbracht hatten, und ausgerechnet dieser zeigte sich von seiner kältesten, windigsten und feuchtesten Seite. Wir waren es gewohnt, tägliche Spaziergänge zu unternehmen, um fit zu bleiben, aber die Aussicht, Woche für Woche bei Eiseskälte herumzulaufen, war nicht gerade angenehm. Eines Tages, als wir gerade durch die Stadt schlenderten, kam uns eine Idee, wie wir der Kälte entfliehen konnten mit einem Besuch in der National Gallery am Trafalgar Square in London. Die mehr als 2300 Gemälde, welche die endlosen Korridore säumen, stellen die größte Sammlung westlicher europäischer Kunst der Welt dar, und sie ist für das Publikum frei zugänglich.
Wir legten unsere dicken Mäntel ab und waren froh, unseren Spaziergang in der Wärme der Galerie fortsetzen zu können. Schon bald waren wir von den Porträts, Landschaftsszenen, Still-Leben und Gruppenbildern gefesselt. Welche Vielfalt an Motiven und Stilrichtungen! Es war leicht zu erkennen, warum diese Künstler als die »Großen Meister« bekannt geworden sind. Die pulsierend goldenen Sonnenblumen von Vincent van Gogh, die Porträts von Rembrandt, die so lebendig anmuten, als könnten sie gleich aus dem Rahmen steigen, um uns zu begleiten, die anmutigen Landschaften von John Constable, die zarten Farben der Gärten von Monet und noch sehr viel mehr war zu bestaunen. Wir wurden Zeuge der Bemühungen von Menschen, die nur wenig zu ihrer Verfügung hatten ein bisschen Farbe und ein paar Pinsel dafür aber sehr viel Talent. Es war atemberaubend, solches zu betrachten. Wir lasen auch fasziniert die kleinen Plaketten, die neben jeder Arbeit angebracht waren und auf denen die Absicht und Technik des Künstlers beschrieben war.
Wochen vergingen und allmählich besserte sich das Wetter. Die Parkanlagen in London füllten sich wieder mit Leben, als die ersten Krokusse zaghaft hervorguckten, um die ersten Sonnenstrahlen seit Monaten zu begrüßen. Schon bald hießen Narzissen die Ankunft des Frühlings in goldenen und gelben Farben willkommen. Bäume und Sträucher fingen an, Knospen zu treiben und das Gras kehrte zu einem saftigen Grün zurück. Selbst das unscheinbare Gänseblümchen erstrahlte mit seinem kleinen, goldenen Herzen und den zarten Blütenblättern in seiner speziellen Schönheit. Die Wochen vergingen und die Spaziergänge wurden immer vergnüglicher. Aus Frühling wurde Sommer und die Parkanlagen erschienen mit Farbtupfen überflutet, Vögel sangen und Schmetterlinge flatterten durch die Blumenbeete, Entenküken paddelten ihren Müttern hinterher, Schwäne reckten stolz ihre eleganten Hälse. Auch das war Kunst lebendige Kunst, die sich Tag für Tag veränderte. Eine Kunst, die über das Sichtbare hinausging, deren Klänge und Gerüche uns ständig begleiteten.
Mit welcher Absicht wurde solche Schönheit geschaffen, welche Kunstfertigkeit steckt dahinter? Ich kann einfach nicht glauben, dass all dies nur durch Zufall zustande gekommen ist. Auch die Meisterwerke in der Nationalgalerie sind nicht durch zufälliges Aufbringen von Farbe auf die Leinwand geschaffen worden; sie wurden sorgfältig geplant und meisterhaft ausgeführt. Sie sind genauso wenig ein Produkt des Zufalls, wie die erstaunliche Welt um uns herum als Resultat willkürlicher Ereignisse entstanden sein könnte. Ich bin mit dem Psalmisten einer Meinung: »Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk Seiner Hände kündet das Firmament.« (Psalm 19:2) Gott ist wirklich der Größte Meister von allen!