Es war am Beginn unserer Zeit, in der frühesten Epoche der Weltgeschichte, und die Erde war noch jung, unberührt und schön. Im Osten ging gerade die rotglühende Sonne über den fernen Hügeln auf. Feuchter Nebel hing über den Wiesen und Wäldern und tränkte das üppige Grün mit Tau. Doch inmitten dieser einfachen, wilden Schönheit lauerten im Herzen des Menschen schon die drohenden Schatten der Sünde.
Seit der Schöpfung der Erde waren bereits nahezu 130 Jahre verstrichen. (1. Mose 4:25; 5:3). Adam und Eva hatten sich nach der Vertreibung aus dem Garten Eden an ein einfaches, bäuerliches Leben gewöhnt. Auch hatten sie bald viele Kinder. Kain und Abel, ihre beiden ältesten Söhne, wurden geboren kurz nachdem Adam und Eva den Garten Eden verlassen hatten. Kain, der Erstgeborene, arbeitete hart die Äcker zu bestellen, während sich Abel um die Herden der Familie kümmerte.
Die erste kleine Siedlung war nicht viel mehr als eine Ansammlung primitiver Häuser aus sonnengebrannten Lehmsteinen. Gleich neben dem Wohnhaus waren der Schafstall sowie einige weitere kleinere Gebäude. Dicht daneben erstreckte sich ein weiter Garten und dahinter ein ergiebiges Weizenfeld, das im ersten Morgenlicht golden schimmerte.
Die Sonne stieg langsam höher und löste die morgendlichen Nebelschwaden auf, und bald schon war Kain draußen auf dem Feld mit seiner derben Sichel. Den ganzen Morgen plagte sich Kain damit ab, den goldenen Weizen zu schneiden, während Abel auf einem nahe gelegenen Hügel seine Schafe hütete.
Um die Mittagszeit war das kleine Feld abgeerntet, und Kain, staubig und verschwitzt von der Arbeit, schritt den Pfad entlang zum großen Haus. Eva und einige der jüngeren Geschwister Kains stampften Butter und bereiteten auf einen Steinherd das Mittagessen.
Kain übergoss sich gerade mit einen Topf kalten Wassers, als Abel von den Feldern hereinkam, den Hirtenstab niederlegte und sich die Hände wusch. Kain trocknete seinen sonnengebräunten, muskulösen Körper und spottete: »Wie war's denn heute, dort oben im Schatten zu sitzen, Abel? Wann wirst du zur Abwechslung endlich einmal richtig hart arbeiten?«
Abel erwiderte bescheiden. »Es mag sein, dass meine Arbeit nicht so hart ist wie deine, aber ich muss dort sein, um auf die Schafe aufzupassen und für sie zu sorgen, und ich benutze die Zeit, um zum Herrn zu beten und…«
Kain schnaubte: »Das nennst du Arbeit?! Ha! Wenn du Gott wirklich gehorchen und Ihm gefallen willst, musst du mal einen Tag lang Korn ernten, oder in meinem Garten hacken und pflanzen! Erinnerst du dich nicht, was der Herr unserem Vater gebot, als Er ihn aus dem Paradies verjagte? "Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute!" (1.Mose 3:23). Stimmt's? Nicht zum Rumsitzen und auf Schafe starren! Und du brichst auch noch ein anderes direktes Gebot Gottes! Er sagte und ich zitiere "Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!" (1. Mose 3:19) Ich bin da draußen und schwitze, doch ich kann mich kaum daran erinnern, dass du jemals so hart gearbeitet hast, dass du schwitzend nach Hause kamst!«
Eva hielt inne und wandte sich vom Kochen um, um zuzuhören. »Kain,« tadelte sie, »dein Vater und ich schätzen gewiss all deine harte Arbeit. Würde aber dein Bruder nicht für die Schafe sorgen, so hätten wir weder Milch, noch Butter, noch Käse, auch keine warmen Wolldecken für die kalten Nächte, nicht einmal unsere Kleidung.«
»Ja, Mutter«, erwiderte Kain unwillig, »ich denke du hast recht. Er ist nicht vollkommen nutzlos.« Er warf sein Handtuch über ein nahes Geländer, gab seinem Bruder noch einen letzten gehässigen Blick und ging zum Garten hinüber, mit dessen sorgsamer Pflege er so viele Jahre verbracht hatte.
Mit stolzgeschwellter Brust schritt er zwischen den gepflegten, sauberen Beeten. »Was für ein wunderbares Ergebnis harter Arbeit!«, dachte er stolz, während er sich genießerisch umschaute: »Das Werk meiner Hände!« Rechterhand, im Schatten von Dattelpalmen und Feigenbäumen, reiften in perfekter Anordnung groß gewachsene Melonen, Gurken und Kürbisse. Zu seiner Linken gab es Bohnen, Tomaten und eine Vielzahl anderer Gemüse und Früchte, reif zur Ernte.
»Es mag schon sein, dass Gott das Land wegen Vaters und Mutters Sünden verflucht hat, aber in meinen Garten ist davon nichts zu sehen«, grinste er. »Meine fleißige Fürsorge hat ihn wahrhaftig zum gesegneten Garten gemacht.« (1. Mose 3:17, 18). Plötzlich kam ihm eine Idee: »Ah ja, das ist ausgezeichnet!« Er verließ den Garten und kehrte zum Haus zurück, wo alle zu Tische saßen. »Gott hat meine harte Arbeit so sehr gesegnet,« verkündete er, »dass ich beschlossen habe, Ihm heute ein Opfer darzubringen.!«
»Das ist eine gute Idee«, meinte Vater Adam, »du hast wirklich allen Grund, dankbar zu sein.« »Vater«, sagte Abel respektvoll, »auch ich möchte dem Herrn ein Opfer darbringen, denn Er hat unsere Herden sicher bewahrt und vermehrt, so dass wir reichlich Milch, Käse und Wolle haben.«
»Ja, sicher! Ich denke, jetzt ist eine gute Zeit für euch beide, Ihm eure Dankbarkeit zu zeigen. Es wird Ihm gewiss gefallen, wenn jeder von euch ein Lamm opfert.«
»Ein Lamm?!«, gab Kain zurück und riss überrascht die Augen auf. Dann entgegnete er: »Abel mag ein Lamm opfern, wenn er möchte, doch mich hat Gott mit den Früchten der Erde und Weizen gesegnet.«
»Das ist mir sehr wohl bewusst, mein Sohn«, sagte Adam ruhig, »aber, wie du weißt, hat der Herr von uns stets verlangt, ein Lamm zu opfern, um Ihm unsere Liebe und Dankbarkeit zu erweisen; nicht nur weil Er für uns und alle unsere Bedürfnisse sorgt, sondern auch, um Ihm zu zeigen, dass wir auf Seine Gnade angewiesen sind. Wir haben alle gesündigt und den Tod verdient, doch wenn wir Ihm gehorchen und ein Lamm opfern, wird Er uns in Seiner Barmherzigkeit vergeben.«
»Nun, ich habe nicht gesündigt!«, verteidigte sich Kain mit blitzenden Augen. »Ich habe Gott gehorcht und sehr hart gearbeitet. Und außerdem habe ich kein Lamm!«
Da schlug Eva liebevoll vor: »Vielleicht kann dir dein Bruder Abel ein Lamm eintauschen gegen einige deiner...« »Nein«, schrie er wütend, »im "Schweiße meines Angesichts" habe ich mein Feld und meinen Garten bestellt, so wie Gott es befohlen hat, und somit wird mein Opfer für Ihn Frucht aus Feld und Garten sein!«
Am selben Nachmittag errichtete Kain vor dem Haus einen Steinaltar. Er häufte trockenes Holz darauf, stapelte trotzig Kürbisse und Melonen, reichlich Weizengarben und schließlich Körbe mit Früchten und Gemüse aller Art darauf. Hier geht's weiter.