Es war Ende Oktober und die Luft roch noch immer nach Regen. Umgeben von bewaffneten Dienern bestieg Hiob einen weißen Araberhengst. Er ritt über den Kamm eines Hügels und schaute hinunter über die riesigen Felder, die sich soweit das Auge reichte vor ihm erstreckten. Unter allen »Menschen im Osten« gab es niemanden, der reicher war als Hiob. Das fruchtbarste Land in ganz Uz gehörte ihm.
Ein alter, bärtiger Diener zeigte auf die Hunderte von Knechten, die mit ihren Ochsengespannen die Felder pflügten. Er sagte: »Oh Herr, der Regen hat gerade zur rechten Zeit den harten, ausgetrockneten Boden aufgeweicht. All deine fünfhundert Ochsen pflügen jetzt. Und deine fünfhundert Esel grasen auf den nahegelegenen Weiden.«
»Gut, sehr gut!« antwortete Hiob. »Und wie steht's mit den Schafen, Sheikar?«, fragte er.
»Wir haben gerade gestern abend die letzten der 7000 Schafe auf die Winterweiden gebracht, Herr«, antwortete Sheikar mit einem breiten Grinsen.
»Und wie geht's den Kamelen?«
»Alles in Ordnung, Herr. Du hast die besten Kamele der Welt! Soeben hat eine große Gruppe von Händlern aus dem weit entfernten Babylon ihr Lager in der Nähe aufgeschlagen und möchte hundert davon kaufen.«
»Wenn ich hundert Kamele verkaufte, wie viele hätte ich denn dann noch übrig?«, fragte Hiob.
»Oh, mein Herr, du wirst nicht wenige übrig haben, denn du hättest immer noch 2900 übrig! Der Herr hat dich wahrhaftig reichlich gesegnet!«
Ganz stolz lehnte sich Hiob im Sattel zurück. »Ja, sicher hat Er das! Ich habe ja dem Herrn auch so viele Jahre gewissenhaft gedient und das getan, was Ihm wohlgefällig war. Deswegen hat Er auch meine Besitztümer beschützt und mich so reichlich gesegnet!«
»Kommt jetzt, lasst uns zurück zur Stadt reiten. Ich habe dort etwas zu erledigen!«, sagte Hiob.
Nach einer knappen Stunde konnten sie die hohen Mauern der Stadt sehen, und Hiob ritt mit seinen Leuten auf das Südtor zu. Auf der inneren Seite der Stadtmauer entlang standen Verkaufsstände, und der Bazar wimmelte nur so mit Hunderten von Leuten.
Hiob stieg von seinem Pferd und begab sich in den Schatten des großen Steintors, wo die Ältesten der Stadt in eine erregte Debatte verwickelt waren.
Die Adligen, Einflussreichen und Stadtältesten erhoben sich respektvoll von ihren Plätzen, als Hiob sich auf seinen Ehrenplatz setzte. Fürst Zabduel, der gerade gesprochen hatte, unterbrach seine Rede und legte sich die Hand auf den Mund, denn nicht einmal ein Fürst durfte in der Gegenwart Hiobs ohne dessen Erlaubnis sprechen. (Hiob 29:7-10)
»Was gibt's für Probleme?«, erkundigte sich Hiob.
Fürst Zabduel zeigte auf einen Kaufmann und eine alte Frau, die dort vor der Versammlung der Ältesten standen und sagte: »Dieser Mann kam zu uns, damit wir ein Urteil fällen sollten. Diese Witwe hat Schulden bei ihm, und er verlangt, dass sie ihm zur Schuldentilgung zwei ihrer Söhne als Sklaven gibt.«
Als die alte Frau Hiob sah, stürzte sie nach vorne, fiel zu seinen Füßen und rief aus: »Mein Herr, wenn er meine beiden Söhne nimmt, bin ich mittellos und werde nichts zu essen haben. Bitte helft mir!« Die Augen der gesamten Versammlung richteten sich auf Hiob und warteten gespannt darauf, wie sein Urteil ausfallen würde. (Hiob 29:21-25)
Hiob warf einen Blick in die Runde und erhob sich von seinem Sitz. Dann sagte er: »Gebt dieser Frau ihre Söhne. Ich werde ihre Schuld begleichen!« Er zog ein Armband aus reinem Gold von seinem Handgelenk und warf es dem Händler vor die Füße in den Staub. »Das sollte mehr als genug sein!« sagte er streng. Der Händler hob es schnell auf und verschwand in der Menge. Erstaunt fingen die Ältesten an, untereinander zu flüstern und rühmten Hiobs gerechtes Urteil und Großzügigkeit.
Als Hiob durch das Tor schritt, kam einer seiner Söhne zu ihm und sagte: »Vater, heute abend feiere ich mit all meinen Brüdern und Schwestern in meinem Hause ein Festmahl. Komm doch bitte auch!«
Hiob antwortete: »Mein Sohn, feiert ihr ruhig! Doch es wäre meiner kaum würdig, bei einer jugendlichen Gesellschaft dabei zu sein.«
Am selben Abend, als Hiob mit seiner Frau zu Tische saß, bedient von einem Dutzend Dienern, betrat ein Wächter den großen Raum. »Mein Herr,« sagte er, »eine Gruppe von 15 Bettlern ist am Tor. Soll ich sie wegschicken?«
Hiob erwiderte empört: »Niemals! Im ganzen Lande Uz soll es nicht vernommen werden, dass die Armen ohne Hilfe zu erhalten von Hiobs Tür zurückgewiesen werden! Mir wäre lieber, mein rechter Arm würde mir von der Schulter gerissen!« Hiob stand vom Tisch auf und begab sich mit seinen Knechten zum Tor, um sich persönlich darum zu kümmern. Ein alter Mann trat hervor und sagte: »Helft, oh guter Herr! Vor vielen Monaten stahlen Plünderer aus Saba unsere ganzen Herden und unseren Besitz. Seitdem essen wir nur noch Ginsterwurzeln und wohnen in Höhlen und Klippen! Wir leiden unter dem Regen und der Kälte. Tag für Tag arbeiten wir unter großer Anstrengung, ohne Kleidung und notleidend in den Feldern und Olivenhainen eurer Nachbarn, und sind immer noch hungrig. Bitte helft uns!« (Hiob 24:2-12,30:3-7)
Voller Mitleid schaute Hiob den schmutzigen alten, zerlumpten Mann an. Hier stand ein Mann, den er nicht einmal angestellt hätte, seine Herden mit den Hunden zu bewachen! (Hiob 30:1) Und dennoch...
»Also, meine Nachbarn haben euch nichts zu essen gegeben?! Dann werde ich es tun!«, verkündete Hiob.
Sofort wies er seine Diener an, den frierenden, sich zusammendrängenden Bettlern warme Kleider und Decken zu geben. Dann ließ er seine Diener Portionen seiner eigenen Mahlzeit an diese Armen austeilen. (Hiob 31:16-22,31-32)
Hiob war mit sich sehr zufrieden und schlief ausgezeichnet. Doch am nächsten Morgen war er beunruhigt. Er dachte an seine Söhne und Töchter, dass sie feierten und tranken, und er sorgte sich: »Vielleicht haben sie sich letzte Nacht betrunken und gesündigt oder Gott in ihrem Herzen verflucht?«
Er nahm sofort zehn Lämmer und opferte sie dem Herrn. »Bitte, vergib meinen Kindern, falls sie gesündigt haben!«, betete er. An den darauffolgenden Tagen, während Hiobs Söhne und Töchter immer noch feierten, betete er weiterhin für sie und brachte früh jeden Morgen Brandopfer für sie dar. (Hiob 1:4-5)