Es war 6.30 Uhr morgens. Früh war ich aufgestanden, nur um dann in eine verregnete Welt starren zu müssen, und gerade heute hatte unsere Familie mit Freunden einen gemeinsamen Ausflug geplant. Der Regen selber machte mir eigentlich nicht soviel aus und Petrus wusste wohl, dass das kostbare Nass dem Erdreich gut tun würde. Ich schaute in unseren Garten, wo ein kleiner, brauner Vogel quirlig herumhüpfte und die durchnässte Erde begutachtete, auf ein kräftiges Festmahl hoffend, in Form eines unglückseligen, halb ertrunkenen Wurmes.
In diesem Moment kam ich mir wie genau dieser arme Wurm vor. Schon seit einigen Monaten hatten sich langsam dunkle Wolken über unsere kleine Familie gebildet. Bei unserem kleineren Sohn gab es Verzögerungen in der Entwicklung, was wiederum Ursache für seine frustrierten, herzzerreißenden Wutanfälle war. Dies beeinflusste täglich und oft stundenlang sein Wohlbefinden. Er wachte oft mitten in der Nacht weinend auf. Er war sonst solch ein lieber, sensibler, anhänglicher und gütiger kleiner Junge. Doch wir hatten vor, mehr über die Herausforderungen, denen er gegenüberstand, herausfinden, so dass wir seinen wachsenden Bedürfnissen besser gerecht werden konnten, und das am Besten, solange er noch jung und formbar war. Wenn irgend möglich wollten wir verhindern, dass noch schlimmere und vielleicht tragischere Auswirkungen wie z.B. niedriges Selbstwertgefühl und Depressionen resultieren und sein kleines, zartes Leben beeinflussten würden.
Zudem hatte mein Mann vier Tage zuvor die Nachricht erhalten, dass er seinen Arbeitsplatz nicht mehr länger behalten konnte und wir daher einen neuen Job und ein neues Haus finden mussten. In der Vergangenheit hüpfte ich vor lauter prickelnder Erwartung mit Luftsprüngen in die mir unbekannte Zukunft, manchmal quer über den Erdball, immer der Nase und meiner Berufung nach, wo auch immer der Wind mich hintrug. Doch nun kauerte ich am Boden im Angesicht solch großer Veränderungen, die uns ausgerechnet in dieser kritischen Zeit heimsuchten.
Vier Tage kamen mir vor wie vier Jahre, in denen ich mich Stunde für Stunde mitten in dieser Gedankensintflut an Strohhalmen der Hoffnung klammerte, gewöhnlich in Form von Bibelversen oder ermutigenden Zitaten. Viele große Männer und Frauen aller Zeitalter mussten irgendwann dunkle und schwere Zeiten durchleben und ließen sich darüber in Gedichten, Anekdoten und Prosa aus. Jetzt klammerte ich mich an solch inspirierende Betrachtungen. Um meine Fassung zu bewahren, wiederholte ich manchmal wie ein Mantra immer und immer wieder einen bestimmten Satz, was mir half, mich guten Mutes um die Kinder und den Haushalt zu kümmern.
Als ich nun nach draußen schaute und den kleinen, braunen Vogel beobachtete, hörte ich die tröstende Stimme von Jesus in meinem Herzen. »Du bist in diesem Fall nicht der arme Regenwurm, mein Liebes, sondern der Vogel. Der Regen und die Stürme, die auf deine Welt gefallen sind und die ich zugelassen habe, bereiten dir nun einen Festschmaus, den du sonst unter Mühen ausgraben müsstest.« Plötzlich änderte sich meine Sichtweise. Ein geistiges Festmahl wurde in dieser dunklen und auswegslosen Zeit von Jesus für uns zubereitet. Leckerbissen, die wir normalerweise ausgraben müssten, würden unwillkürlich zum Vorschein kommen. Es waren spezielle Gaben wie eine größere Nähe zu Jesus und zueinander, mehr Liebe und Anerkennung untereinander und für unsere Freunde und der tiefe Wunsch, all unsere täglichen Bedürfnisse und Ängste im Gebet Gott zu übergeben.
Hatte der Regen aufgehört? Nein, noch nicht ganz. Während einige unserer Gebete wunderbar beantwortet wurden (wir sind umgezogen und mein Mann hatte einen neuen Job gefunden), was uns sehr ermutigte, warten an anderen Fronten noch eine Menge Herausforderungen. Jedoch werden wir inmitten der Regenschauer immer glückliche und frohe kleine Vöglein bleiben, denn so unglaublich es auch klingen mag, »wir genießen dabei einen Festschmaus!«
P.S. Wie auf Kommando kam nach meiner Regentags-Entdeckung unser kleiner 8-jähriger Nachbarjunge zu uns und hielt mir eine Handvoll sich windender Würmer entgegen. »Die gibt's im Kompost haufenweise, nur falls du noch welche brauchst!« informierte er mich. Aber ich glaube, betreffs Würmern halte ich mich doch lieber an der Metaphorik.