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ZWEI WEGE

Von Christina Andreassen
Vor kurzem ging ich einen lieben Freund besuchen. Ich passierte zwei hochglanzpolierte Türen und fuhr in einem funkelnden und schimmernden Fahrstuhl zu seinem Büro hinauf. Eine Empfangsdame bot mir eine Tasse vom feinsten Kaffee an, bevor sie mich in einen sehr geräumigen Konferenzsaal leitete, in dem persönliche Erinnerungen, Reiseandenken und zahlreiche Auszeichnungen um einen Platz auf den Teakholzregalen wetteiferten.
Eine Minute später kam mein Freund und begrüßte mich sehr warmherzig mit einem gewinnenden Lächeln. Sein maßgeschneiderter Anzug sah nach diesem langen Tag im Büro ein wenig zerknittert aus. Er seufzte, als er mir gegenüber Platz nahm; sein Lächeln verschwand einen Moment und enthüllte ein müdes und sorgenvolles Gesicht.
»Langer Tag?« fragte ich. Er nickte. Es war ein langer Tag gewesen. Es schien jeder Tag sei endlos, sogar die Wochenenden, gerade jetzt mit der aufstrebenden Wirtschaft und der Flut neuer Projekte, welche die Firma zu bewältigen habe. Das Geschäft liefe gut und er sei glücklich, sagte er, ich kannte ihn aber gut genug um zu wissen, dass es nicht die ganze Wahrheit war.
Hatte ich schon gehört, dass er ein zweites Haus kaufen wolle? Seine Frau besuche Freunde in Rom und war schon über einen Monat dort, seine Kinder studierten im Ausland und er wäre gerade aus Madrid zurückgekommen. Nächste Woche würde ein drittes Auto kommen direkt aus dem BMW-Ausstellungsraum. Nun, ein weiteres Auto würde für ihn und seine Familie vieles erleichtern. Ein Streitpunkt weniger. In der letzten Zeit hätte es einige Veränderungen gegeben ein besseres Büro in einer besseren Lage, effizientere Mitarbeiter, ein besserer PR-Manager und noch viel mehr zukünftige Veränderungen in der Geschäftsführung seiner Firma, beim Firmenimage und bei den Produkten. Man müsse schon eine Menge investieren und in Bewegung setzen, um in der schnelllebigen Zeit von heute Erfolg zu haben.
Wir sprachen über die jüngsten Projekte meiner Freiwilligenarbeit, einer Reise in die überfluteten Provinzen. Ich zeigte ihm die Photos und er kommentierte die Schönheit und Einfachheit des ländlichen Lebens.
Sein Telefon klingelte und er entschuldigte sich, und kehrte eine Minute später mit der Entschuldigung für einen schnellen Aufbruch zurück. Unerwartete und dringende Angelegenheiten würden seine umgehende Aufmerksamkeit benötigen. »Wir sollten uns bald wiedersehen. Ruf mich doch bitte nächste Woche an«, sagte er.
Gestern besuchte ich eine gute Freundin. Ich fuhr acht Stunden auf kurvenreichen Bergstraßen zu einem Flüchtlingscamp, das sich etwa vier Quadratkilometer über eine ländliche Gegend hinzieht. Eine atemberaubende Sicht eines Landstriches, der vom Komfort her wirklich nur mit dem Notwendigsten ausgestattet ist. Wo die Straße endete, begann der Fußmarsch. Später watete ich durch einen knietiefen Bach und stapfte anschließend in einem tief ausgetretenen, schlammigen Pfad, begleitet von einem Dutzend eifriger Kinder, die mich zuvor auf dem Weg weiter unterhalb entdeckt hatten. Schließlich angekommen setzte ich mich vor die Bambushütte meiner Freundin und lächelte die in Lumpen gekleideten Kinder an, die mir versprachen, dass meine Freundin gleich kommen würde. Geschwind rannten sie in Richtung kommunaler Brunnen, um allen anderen meine Ankunft zu melden.
Eine Minute später eilte meine Freundin herbei, um mich zu umarmen, ein sechs Monate altes Baby in einem Tragetuch auf ihrem Rücken. Sie lotste mich aus dem Gewimmel der Kinder, die sich inzwischen eingefunden hatten und scheuchte spielerisch jene weg, die lauthals plappernd an meinen Hosenbeinen herumzogen. Im dämmrigen warmen Inneren ihrer Ein-Zimmer-Hütte, servierte sie mir Kaffee. Ich genoss jeden einzelnen Schluck dieser dankenswerten Geste meiner Freundin, denn diese Tasse war wahrscheinlich ihre Ration für die ganze Woche.
Unsere Gespräch war ein ständiges Ringen nach den richtigen Worten, was durch ihren starken Bergdialekt noch zusätzlich erschwert wurde. Dennoch strahlte sie vor Freude, während sie sich abmühte mir von ihrem Baby, ihrer Familie und der kleinen Gruppe von Waisenkindern zu erzählen, um die sie sich außerdem noch kümmerte.
»So, was brauchst du am Dringendsten?« fragte ich sie und hatte vor ihr vom Besten der Lkw-Ladung anzubieten, die am Ende des Weges auf mich wartete. Als Antwort rechnete ich nun mit einer detaillierten Liste.
»Nichts« antwortete sie, »Gott versorgt uns mit dem, was wir brauchen und kümmert sich gut um uns«. Ihr Baby begann zu wimmern, woraufhin sie es eng in die Arme schloss und nochmals ihre immense Freude über das Neugeborene ausdrückte. Sie erwähnte nicht einmal das fehlende Geld, die benötigten behördlichen Papiere und die anderen Dinge, die ihr und dem Baby einen guten Start ins Leben ermöglichen würden.
Ein junger Flüchtling im T-Shirt, etwa 18 Jahre alt, betrat die Hütte. Nachdem wir uns miteinander bekannt gemacht hatten, nahm er auf einer der Matten neben meiner Freundin Platz und zupfte mit seinen Fingern geschickt eine leise, süße Melodie auf der verwitterten Gitarre, während er unserer Unterhaltung lauschte.
»Es muss wundervoll sein, in einer Stadt zu leben,« sagte er schließlich ein wenig sehnsüchtig.
»Bist du mal in einer Stadt gewesen?« fragte ich.
»Nein« erwiderte er und schüttelte traurig seinen Kopf. »Aber ich hoffe, dass ich irgendwann mal dort hinkomme. Eines Tages möchte ich in die Stadt ziehen und reich und berühmt werden.«
Ich lächelte, als meine Augen den atemberaubenden Sonnenuntergang über den Berggipfeln erblickten, der den westlichen Himmel erleuchtete und meine Ohren deutlich das glückliche Lachen vom Volleyballspiel vor der Hütte vernahmen.
»Ich glaub nicht, dass das ist, was du wirklich möchtest,« war zu seinem Erstaunen meine Erwiderung. »Glaub mir, manchmal sind die schönsten Dinge des Lebens jene, die man nicht mit Geld kaufen kann.«
Christina Andreassen ist Mitglied der Family International in Thailand

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