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»Weihnachten im Herzen«

DAS GEHEIMNIS DES SCHNEIDERS
- Teil 1
Die meisten Leute schienen den einsamen, bekümmerten alten Mann kaum zu bemerken. Klaus und seine Frau waren in den Norden, nach Finnland, gezogen, um dem Krieg und den Wirren in ihrem Heimatland zu entfliehen. Mit der Zeit wurde Klaus in seiner neuen Heimat ein erfolgreicher Schneider. Dann kam die schreckliche Grippeepidemie. Seine Frau und seine zwei Kinder verloren dabei ihr Leben. Dies ließ ihn mit dem Gefühl zurück, er habe keinen Grund weiterzuleben. Er war nicht mehr die frohe, glückliche Seele von einst. Tagsüber zog er ziellos durch die kalten Straßen Helsinkis, und abends sank er in seiner kalten, leeren Schneidersstube auf eine Pritsche. Er schneiderte nicht mehr. Er konnte nicht, auch wenn er es gewollt hätte, denn er hatte alles von Wert verkauft oder für Essen und Heizmaterial getauscht. Seine Kleider waren zerrissen, er ließ den Kopf hängen und hatte einen schleppenden Gang. Sein nun ergrauter Haarschopf und Bart waren wild und struppig geworden. Leute, die ihn vorher gekannt hatten, konnten ihn kaum wiedererkennen.
* * *
Wann immer Gertrude, seine bereits verschiedene Frau, und seine Kinder vom Himmel herunterschauten, brach ihnen das Herz über das, was sie sahen. Gertrude flehte oft vor dem Throne Gottes für die geistige Gesundheit ihres Mannes, und Gott tröstete sie immer.
»Zur richtigen Zeit«, sagte Er jedesmal, »wird ein Lichtstrahl der Hoffnung und eines neuen Lebenszweckes durch die dunklen Wolken scheinen, die nun über dem Leben von Klaus hängen.«
Dann ließ Gott sie an die Seite von Klaus gehen. Von der ungesehenen geistigen Welt flüsterte sie Worte der Liebe und Ermutigung in das Herz ihres armen Mannes.
Als die Zeit verging und sich der Zustand von Klaus nicht verbesserte, war Gertrude überzeugt, dass ihr Liebster am Ende war. Sie kam abermals traurig vor Gott.
Dieses Mal kündigte ihr Gott an: »Die Zeit ist endlich gekommen! Dein Mann wird seine Augen bald von seinem eigenen Leid abwenden und die Not anderer sehen. Wenn dieser Moment gekommen ist, werde Ich das Wunder bewirken.«
* * *
Es war Winter und in Helsinki war es wieder sehr kalt, mit nur wenigen Stunden Sonnenlicht täglich. Handwerker verrichteten ihre Arbeit in gemütlichen Werkstätten beim wärmenden Feuer. Hausfrauen verließen die Wärme ihrer Küche nur für hastige Besorgungen, zu nichts weiterem. Nur die Kinder schienen sich mehr als ein paar Straßen von zu Hause wegzuwagen. Wo immer sie wohnten, schien es jedoch nie zu weit zu sein, um zur »Kinderstraße« zu gehen, wo die berühmten Spielzeugmacher der Stadt Wundersames wirkten. Einige Leute sagten, dass begabte Heilige und Engel den Spielzeugmachern ihre Ideen eingaben. An der »Kinderstraße« waren die mit Spielsachen angefüllten Fenster aneinandergereiht, welche Kinderaugen erfreuten und ihrer Phantasie Flügel verliehen.
Klaus liebte Kinder, aber wenn er anhielt, um ihnen beim Spielen zuzuschauen, oder wie sie die Spielsachen in den Schaufenstern betrachteten, erinnerten sie ihn an seine eigenen Kinder und es brach ihm jedesmal aufs neue das Herz und Tränen rollten seine Wangen hinunter.
Eines Tages beobachtete Klaus einen kleinen Jungen in Kleidern, die fast so schäbig waren wie seine eigenen, wie er auf die Spielsachen im Schaufenster starrte. Der Ausdruck der Hoffnungslosigkeit und der Enttäuschung auf dem Gesicht des Jungen ließ Klaus genau wissen, was der Junge dachte: Ich werde nie erfahren, wie es ist, solch schöne Spielsachen wie diese zu haben.
Klaus fing zu weinen an, aber zum ersten Mal seit sehr langer Zeit weinte er nicht um sich selbst. Seine Tränen galten dem kleinen Jungen und den Hunderten anderer armer Kinder wie ihm.
Der Anblick des kleinen Jungen blieb in seinen Gedanken, als er weiterging. Er achtete kaum darauf, wohin ihn seine Füße trugen, und fand sich am Ende bei einer Grube am Stadtrand wieder, wo die Leute ihren Plunder und Abfall hineinwarfen. Aus unerklärlichem Grunde begann Klaus, sich glücklich und hoffnungsvoll zu fühlen. Wie lange war schon her, seit er sich so gefühlt hatte?
Eine vor kurzem weggeworfene, in ihre Einzelteile zerbrochene Puppe lag leblos auf einem der Abfallhaufen, der noch nicht mit Schnee bedeckt war. Klaus bückte sich und hob die Teile auf.
Füg sie zusammen, Klaus! flüsterte Gertrude in sein Herz.
Ohne zu wissen, warum er das tat, setzte Klaus die Puppe wieder zusammen. War es seine Vorstellungskraft oder öffnete die Puppe ihre Augen wirklich, als wäre sie lebendig? Danke, dass du mir mein Leben zurückgegeben hast! schien sie zu sagen. Klaus sah sie an und lächelte. »Gern geschehen!« sagte er laut.
Niemand war in der Nähe, der ihn hätte sehen oder hören können, aber Klaus fühlte sich plötzlich sehr albern und warf die Puppe auf den Abfallhaufen zurück.
Augenblicklich erfüllte eine große Traurigkeit sein Herz.
Er hob die Puppe erneut auf, und Freude erfüllte wieder sein Herz. Eigenartig! dachte Klaus.
Dann zog er einen Teddybär ohne Arme aus einem anderen Abfallhaufen. Wie schön es doch wäre, wenn diese kaputten Spielsachen repariert und Kindern armer Familien gegeben werden könnten. Wie glücklich sie sein würden! dachte Klaus. Aber was kann ich tun? Ich bin selber ein armer, alter, kaputter Mann und habe keine Werkzeuge weder Nadel, noch Faden, noch Materialien, um sie auszubessern.
Eine himmlische Stimme schien ihm zuzureden: Bei Gott ist nichts unmöglich! Wo Gott dich hingeleitet, da hat Er's auch bereitet. Schau dich um!
Er verstand immer noch nicht was geschah, aber Klaus fing an, durch den herumliegenden Trödel zu schauen. Da entdeckte er eine arg mitgenommene Holzkiste. Sie sah wertlos aus, aber als Klaus den Deckel anhob, war er sehr überrascht.
Sie war voller Werkzeuge alles, was er für seine Arbeit brauchen würde! Natürlich waren die Werkzeuge alt und etwas rostig, aber er konnte sie scheuern und schärfen und sie würden so gut wie neu sein. In einem Abteil der Kiste war auch ein Nähset mit Nadeln in allen Größen und Faden in vielen verschiedenen Farben.
Das ist ein Wunder! dachte Klaus und ein neuer Gedanke nahm in seinem Kopf Gestalt an. Was ist... Wie wär's, wenn ich soviele kaputte Spielsachen, wie ich nur finden kann, einsammeln würde, sie reparierte und armen Kindern zu Weihnachten gäbe?
In den himmlischen Sphären sprangen Gertrude und all ihre Helfer vor Freude in die Luft. Gottes Verheißung würde sich bald erfüllen! Hier geht's weiter
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