Thanksgiving (Erntedankfest), ein Feiertag, der in den USA gegen Ende November stattfindet, leitet dort traditionellerweise den Beginn der Weihnachtszeit ein. Wir erzählen euch die Geschichte einer Frau, deren Herz schwer war, als die Zeit des Danksagens begann.
Sich gegen den kalten Novemberwind ankämpfend, stieß eine völlig niedergeschlagene junge Frau die Tür eines Blumenladens auf. Noch vor Kurzem war Sandras Leben unbeschwert wie eine Frühlingsbrise gewesen. Dann hatte sie im vierten Monat ihrer zweiten Schwangerschaft einen Autounfall gehabt, der dem Ungeborenen das Leben kostete und ihr eigenes ganz durcheinander brachte. In der Woche von Thanksgiving hätte sie einen Sohn gebären sollen. Sie trauerte um den Verlust. Doch damit nicht genug, die Firma ihres Mannes kündigte einen möglichen Transfer an. Dann rief ihre Schwester an, auf deren Besuch sie sich sehr gefreut hatte, und sagte ab. Noch viel schmerzhafter war, dass Sandras beste Freundin der Meinung war, dass diese Ereignisse von Gottes Hand kamen, um sie reifen zu lassen und um ihr zu lehren, Mitgefühl für andere Menschen zu haben.
Hat sie denn schon mal ein Kind verloren?, dachte sie Nein. Sie hat überhaupt keine Ahnung, was ich durchmache. Sandra erschauderte. Thanksgiving? Dankbar für was?, fragte sie sich. Für einen achtlosen Fahrer, dessen Lastwagen kaum einen Kratzer abbekommen hatte, als er in ihr ins Heck fuhr? Für einen Airbag, der ihr eigenes Leben gerettet, aber das ihres Kindes genommen hatte?
»Guten Tag! Kann ich Ihnen helfen?« Sandra wurde von der Verkäuferin des Blumengeschäftes aus ihren Gedanken gerissen.
»Verzeihung«, sagte die Verkäuferin, deren Name Jenny war, »Ich möchte nur nicht, dass Sie denken, ich hätte Sie übersehen.«
»Ich…. ich brauche ein Bouquet.«
»Für Thanksgiving?« Sandra nickte. »Möchten Sie ein besonders schönes oder ein normales, oder möchten Sie diesen Tag herausfordern mit einem der Lieblingsarrangements meiner Kunden, das ich ›Thanksgiving Special‹ nenne?« Jenny bemerkte Sandras Neugierde und fuhr fort: »Ich bin davon überzeugt, dass Blumen Geschichten erzählen. Jeder Strauß drückt ein bestimmtes Gefühl aus. Suchen Sie etwas, das Dankbarkeit für diesen Tag ausdrückt?«
»Nicht unbedingt!« platzte Sandra heraus, »Tut mir leid, aber in den vergangenen fünf Monaten ging so ziemlich alles schief, was schief gehen konnte.«
Sandra bedauerte ihren Ausbruch schon, war dann aber überrascht, als Jenny sagte: »Ich habe das perfekte Arrangement für Sie.« Dann klingelte unerwartet die Glocke der Ladentür.
»Barbara! Hallo!«, begrüßte Jenny die Kundin. »Deine Bestellung liegt bereit. Kleinen Moment noch, bitte.« Sie entschuldigte sich höflich bei Sandra und verschwand in ihrem kleinen Arbeitsraum. Kurz darauf kam sie wieder mit einem großen Bouquet von Grünzeugs, geschwungenen Ästen, und langstieligen dornigen Rosen. Bloß... die Rosenblüten waren am Ende des Stengels sauber abgeschnitten. »Möchtest du es in einen Karton verpackt haben?«, fragte Jenny. Sandra war gespannt auf Barbaras Antwort. War dies ein Witz? Wer will schon Rosenstiele ohne Blüten? Sie wartete darauf, dass jemand lachte, dass jemand das Fehlen der Blüten am Ende der dornigen Stiele bemerkte, aber keine der beiden Frauen sagte etwas.
»Ja, bitte, im Karton. Es ist wunderschön!«, antwortete Barbara. »Nun bekomme ich schon das dritte Jahr das ›Special‹ und man sollte meinen, dass mich die Bedeutung dieses Arrangements nicht mehr so sehr bewegen würde, aber das tut es jetzt doch wieder. Meine Familie wird es mögen! Vielen Dank!«
Sandra schaute verdutzt drein. Wie können die sich so normal über ein so seltsames Bouquet unterhalten?, fragte sie sich. »Ähem….«, räusperte sich Sandra und zeigte auf Barbara, die gerade den Laden verließ, »diese Dame ist gerade mit… äh…. gegangen!«
»Ja?«
»Nun, sie hatte nur die Stiele!«
»Stimmt, ich habe die Blüten abgeschnitten.«
»Abgeschnitten?«
»Abgeschnitten. Genau. Das ist das ›Special‹. Ich nenne es das ›Thanksgiving Dornenbouquet‹.«
»Aber wieso zahlen die Leute für so etwas?« Trotz ihres Gemütszustandes musste Sandra schmunzeln.
»Möchten Sie das wirklich wissen?«
»Ich könnte diesen Laden nicht verlassen, ohne es zu erfahren. Ich würde an nichts anderes denken können!« »Na gut!«, sagte Jenny. »Nun, Barbara kam vor drei Jahren in meinen Laden und fühlte sich ungefähr so wie Sie sich heute fühlen. Sie dachte, sie hätte nicht viel, wofür sie dankbar sein könnte. Ihr Vater war gerade an Krebs gestorben, das Familiengeschäft lief nicht mehr gut, ihr Sohn war drogenabhängig und sie selbst hatte eine größere Operation vor sich.«
»Oje, schlimm!«, entfuhr es Sandra.
»Im gleichen Jahr«, erklärte Jenny, »verlor ich meinen Mann. Ich musste die volle Verantwortung für das Geschäft übernehmen und zum ersten Mal die Feiertage alleine verbringen. Ich hatte keine Kinder, keinen Ehemann, keine Familie in der Nähe und so große Schulden, dass ich es mir nicht leisten konnte, zu verreisen.«
»Was haben Sie dann gemacht?« »Ich lernte, dankbar für Dornen zu sein.«
Sandras Augenbrauen gingen hoch: »Dornen?«
»Ich bin Christ. Für die vielen guten Dinge, die Gott in meinem Leben geschehen ließ, hatte ich Ihm immer gedankt. Aber als ich dann mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, fing ich an zu zweifeln! Es brauchte Zeit, bis ich lernte, dass die düsteren Zeiten im Leben wichtig sind! Ich habe immer die ›Blüten‹ genossen, aber es brauchte ›Dornen‹, um mir die Schönheit von Gottes Trost zu zeigen. Wissen Sie, die Bibel sagt, dass Gott uns tröstet, wenn wir traurig und verletzt sind, und durch Seinen Trost lernen wir, andere zu trösten.«
Sandra schnappte nach Luft. »Eine Freundin las mir diesen Abschnitt vor, und ich wurde wütend! Ich denke, die Wahrheit ist, dass ich keinen Trost will. Ich habe ein Baby verloren und ich bin wütend auf Gott.« Sie wollte Jenny bitten fortzufahren, als die Türglocke sie unterbrach.
»Hallo, Phillip!«, rief Jenny dem glatzköpfigen, rundlichen Herrn zu, der den Laden betrat. Sie berührte sanft Sandras Arm und ging zu ihm hinüber, um ihn zu begrüßen. Er legte seinen Arm um ihre Schulter und drückte sie freundschaftlich an sich. »Ich hätte gerne zwölf dornige langstielige Stengel!«, bestellte er mit einem herzlichen Lachen. »Das habe ich mir schon gedacht«, sagte Jenny. »Ich habe sie schon vorbereitet.« Sie nahm ein großes, in durchsichtige Folie gewickeltes Arrangement aus dem gekühlten Schrank.
»Wunderschön«, bemerkte Phillip Müller, »meine Frau wird es mögen.«
Sandra konnte nicht widerstehen und fragte: »Die sind für Ihre Frau?« Herr Müller erkannte, dass Sandra genauso neugierig war, wie er damals, als er das erste Mal von einem Dornenbouquet hörte. »Sie haben hoffentlich nichts dagegen, wenn ich Sie frage: warum Dornen?«
»Tatsächlich freut es mich, dass Sie fragen«, erwiderte er. »Vor vier Jahren ließen meine Frau und ich uns beinahe scheiden. Nach vierzig Jahren war unsere Ehe am Ende, doch wir kämpften uns durch, und schafften ein Problem nach dem andern aus dem Weg. Das war die Rettung unserer Ehe und unserer Liebe zueinander. Letztes Jahr an Thanksgiving kam ich hierher, um Blumen zu kaufen. Ich muss wohl erwähnt haben, dass ich gerade eine schwierige Zeit durchgemacht hatte, denn Jenny sagte mir, dass sie schon seit einiger Zeit eine Vase voller Rosenstiele, nur die Stiele, bei sich stehen hatte, als Erinnerung an ›dornige‹ Zeiten. Das beeindruckte mich dermaßen, dass ich Stiele mit nach Hause nahm. Meine Frau und ich beschlossen, jeden einzelnen Stiel einer bestimmten dornigen Situation zu widmen. So sagten wir Dank für das, was die Schwierigkeiten uns gelehrt hatten. Zweifelslos ist diese ›Dornenstielbetrachtung‹ bei uns zu einer Tradition geworden.«
Der Herr bezahlte, bedankte sich noch einmal bei Jenny und sagte beim Hinausgehen zu Sandra: »Ich kann Ihnen das ›Special‹ wärmstens empfehlen!« »Ich weiß nicht, ob ich für die Dornen in meinem Leben dankbar sein kann«, sagte Sandra zu Jenny.
»Nun, meine Erfahrung lehrt mich, dass die Dornen die Rosen viel wertvoller machen. Wir schätzen Gottes Schutz mehr in Zeiten großer Probleme, als sonst irgendwann. Denken Sie daran, Jesus trug eine Dornenkrone, damit wir seine Liebe erkennen dürfen. Akzeptieren Sie die Dornen!«
Tränen rollten über Sandras Wangen. Zum ersten Mal seit dem Unfall klammerte sie sich nicht mehr an ihren Resentiments fest. »Ich... ich möchte zwölf langstielige Dornen, bitte.«
»Ich hoffte, das würden Sie tun. Ich mache sie gleich fertig. Und wenn Sie sie dann betrachten, denken Sie jedes Mal daran, dass wir die guten und die schlechten Zeiten schätzen sollten. Wir wachsen durch beide.«
»Danke! Wieviel schulde ich Ihnen?«
»Nichts! Nichts, außer dem Versprechen, dass Sie auf die Heilung Ihres Herzens hinarbeiten. Das Arrangement des ersten Jahres geht immer auf meine Kosten.« Jenny reichte Sandra eine Karte. »Ich hänge noch diese Karte an Ihr Bouquet, aber vielleicht möchten sie diese zuerst lesen. Sie wurde von einem erblindeten Mann geschrieben. Lesen Sie’s!«
»Lieber Gott, ich habe Dir nie für meine Dornen gedankt! Ich habe Dir schon tausendmal für meine Rosen gedankt, aber noch nicht ein einziges Mal für meine Dornen. Lehre mich die Herrlichkeit des Kreuzes, das ich trage, zu erkennen. Lehre mich den Wert meiner Dornen. Zeige mir, dass der Weg meines Leidens zu Dir führt. Zeige mir, dass meine Tränen einen Regenbogen gebildet haben.«