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Titel: "Lese-Ecke": Deine geistige Nahrung - täglich frisch serviert.

O'GRADY UND DER WEISE WISEMANN



Billy O’Grady lächelt noch immer, wenn er an diesen Weihnachtsabend vor 15 Jahren zurückdenkt. Er saß in Doyles Grillbar in der dritten Straße, wie üblich allein, starrte gedankenverloren in sein Glas Dunkelbier und fragte sich, warum er das faul schmeckende Zeug überhaupt trank. Man muss Ire sein, grübelte er, um die Welt davon zu überzeugen, dass dieses Zeug so toll ist.

Die Quaste am Ende seiner Weihnachtsmannmütze baumelte vor ihm. Ohne wirklich darüber nachzudenken, fing er an, seinen Kopf auf und ab zu bewegen, so dass die Quaste bei jedem Nicken näher daran war, ins Glas getunkt zu werden.

»Das ist ein schönes Spiel, das du da spielst«, sagte ein Mann, der bisher unbemerkt neben ihm an der Bar gesessen hatte.

O’Grady drehte sich leicht zur Seite, um sich den kleinen Mann mit beginnender Glatze anzuschauen. »Nur wenn man nichts Besseres zu tun hat«, erwiderte O’Grady ruhig.

»Zweifelsohne, aber am Weihnachtsabend gibt es bessere Dinge zu tun«, antwortete der Mann. »Erlauben Sie mir, mich vorzustellen. Melchior Wisemann*, zu ihren Diensten.« [*sprich: Weismann] »Zu meinen Diensten, ach wirklich?«, murmelte O’Grady. »Nun, warum tun Sie mir nicht einen Gefallen und überlassen mich meinem Trübsinn?« »Das kann ich nicht«, erwiderte Melchior mit einem Lächeln. »Denn das ist gegen meine Natur, jemanden in seinem Trübsinn alleine zu lassen, ohne wenigstens versucht zu haben, ein bisschen Freude in sein Leben zu bringen.«

O’Grady starrte diesen ungewollten Unterhalter missmutig an. »Ein Prost dann«, sagte er sarkastisch, als er sein Glas hob und trank. »Erfüllt dies die Anforderungen?« O’Gradys Gesicht nahm einen noch saureren Ausdruck an, als er auf den Geschmack reagierte. »Mein Gott, schlimmes Zeug!«, fluchte er.

»Das ist ja ein schöner Anblick. Ein Ire, der sein Dunkelbier hasst!«, rief Melchior aus, während das Lächeln auf seinem Gesicht breiter wurde, und er fügte hinzu: »Nein, tut es nicht.«

»Tut was nicht?«, gab O’Grady zurück. »Die Anforderungen erfüllen«, antwortete Melchior. »Es ist Heiligabend und ich kann nicht gehen, ohne dich aufgemuntert zu haben. Wenn du über deinem Bier ein mürrisches Gesicht ziehst, ist das eher ein Minus für mich. Ich sehe, dass ich einiges an Arbeit vor mir habe.«

»Machen Sie sich's bequem«, murmelte O’Grady, »aber erwarten Sie nicht viel Kooperation meinerseits.« »Es ist die Einsamkeit, nicht wahr? Sie hat einen fürchterlichen Einfluss auf den Zustand eines Menschen.« Melchior sprach ernst: »O Gott, hilf mir, etwas Freude in das Leben dieses Mannes zu bringen.« »Mein Gott, Sie klingen trübsinniger als ich, wenn Sie so weiter machen«, erwiderte O’Grady und richtete sich in seinem Stuhl auf.

»Ja, das war ich auch, vor langer Zeit, vor dem Wunder«, erwiderte Melchior geheimnisvoll. »Wunder?«

»Ja, das Erwachen!«

»Erwachen?«

»Als ich meine Mission erkannte!«

»Mission?«

»Ja, das Geschenk der Freude den Menschen zu bringen, die guten Willens sind!«

»Oh, schon wieder die Sache mit dem Aufmuntern.«

»Es ist mehr als Aufmuntern, mein Freund! Ich fand heraus, dass mein Leben, unnütz und nichtssagend wie es war, wenigstens einen guten Nutzen haben würde, wenn ich jedem auf meinem Weg etwas Freude bringen würde. Ich war arbeitslos, außer mir vor Verzweiflung und auf dem Weg, von der nächsten Brücke zu springen, als der Engel erschien.«

»Engel?«

»Ja, der mir sagte, dass ich mich in diesem Zustand befand, weil ich meinen Auftrag erfüllt nicht hatte.« »Welchen Auftrag?«, fragte ich. Er sagte: »Mit einem Namen wie Melchior Wisemann sollte ich ein Geschenk aus meinem Leben machen, anstatt es wegzuwerfen. Ich hatte meinen Namen immer gehasst, weil die Leute über mich lachten, wenn sie ihn hörten.«

»In dem Moment schaute ich zur Seite und sah, dass ich vor dem Parfüm- und Seifengeschäft eines gewissen Frank Nelson stand«, erzählte Melchior weiter. »Ich schaute mich wieder um und der Engel war weg; aber etwas drängte mich hineinzugehen.

Der Besitzer war da und ohne weiter zu überlegen, fragte ich ihn, ob er einen Job für mich hätte. Ich weiß wirklich nicht, was über mich kam. Mr. Nelson starrte mich an und fragte: ›Woher wussten Sie, dass ich einen Verkäufer suche?‹

Ich antwortete, dass ich es vorher nicht gewusst hätte, sondern mich einfach gedrängt fühlte, hereinzukommen. Ich sagte ihm meinen Namen und er begriff sofort. Er brüllte vor Lachen und sagte, dass ich eine Antwort auf Gebet wäre.

Sein Geschäft lief nicht gut und wenn es in dieser Weihnachtszeit nicht eine bedeutende Wende geben würde, dann werde er schließen müssen. Doch er sagte, dass ich gekommen war, sei ein Geschenk Gottes. Ich – ein Geschenk Gottes! Ich war verblüfft.

Am nächsten Tag ging ich zur Arbeit und der Schildermaler war da. Er malte ein großes Schild über der Tür: Melchior Wisemann verkauft Parfüm von Frank N. Herr Nelson kleidete mich ein wie einen der drei Weisen in Königskleidung, legte mir eine Robe um und setzte mir eine Krone auf den Kopf. Schon bald begannen Kunden hereinzukommen, angelockt durch das Schild. Die Neuigkeit ging herum und bald konnten wir den Ansturm kaum bewältigen.«

»So, wer war der Engel?«

»Oh, er sah aus wie irgendein Typ von der Straße. Nichts, was man normalerweise als einen Engel bezeichnen würde. Aber ich weiß, dass er einer war, denn er rettete mein Leben.« O’Grady lächelte. »Nun, das ist eine erstaunliche Geschichte, Mister, und ich wünsche Ihnen das Beste. Aber trotzdem habe ich keinen persönlichen Grund, um aufgemuntert zu sein.« »Nun, wenn es mir passiert ist, dann kann etwas Ähnliches auch Ihnen passieren! Man kann nie wissen, wer der Engel in seinem Leben sein könnte, oder welche Gelegenheit auf einen wartet. Es mag keine geschäftliche Chance sein, wie bei mir. Vielleicht ist das auch nicht, was Sie brauchen.«

Melchior zog seine Taschenuhr heraus. »Oh je, wie die Zeit vergeht. Ich muss mich beeilen.«

»Schade, dass Sie gehen«, bemerkte O’Grady. »Danke für die Geschichte und für die Aufmunterung. Ich gebe es nur ungern zu, aber ich fühle mich besser.«

»Froh, von Diensten gewesen zu sein«, sagte Melchior, als er vom Barstuhl rutschte, seinen Mantel anzog und zur Tür ging. »Frohe Weihnachten!«, rief er, als er in der Tür stand. Er winkte und im nächsten Moment war er weg. O’Grady starrte für ein oder zwei Minuten die Tür an. Dann nahm er schnell seinen Mantel und rannte nach draußen, um den Fremden hoffentlich noch einzuholen. Doch bis er draußen ankam, war von Melchior Wisemann keine Spur mehr. Das Gefühl der Verzagtheit kam wieder wie eine dunkle Wolke über ihn, als O’Grady langsam die Straße hinunter Richtung Innenstadt trottete. Ohne Ziel, so schien es zumindest, ging er die Gehsteige entlang, die eine Straße rauf und die nächste runter.

»He, Weihnachtsmann«, rief jemand aus der Tür eines kleinen Ladens, »suchst du nach einem warmen Essen?« O’Grady schaute auf die Quaste seiner Weihnachtsmannmütze und begriff, dass die rufende Person mit ihm sprach, wer immer das auch war. Er ging hinein und sah rundherum an Tischen sitzend eine bunte Schar von Obdachlosen, die ein kostenloses Weihnachtsabendessen genossen. Die Frau am Schanktisch lächelte ihn an. »Was möchtest du?«, fragte sie. »Ich möchte helfen«, hörte er sich selbst erwidern. »Helfen?«, antwortete die Frau überrascht. »Wir bekommen nicht oft Hilfe angeboten. Kommen Sie mit nach hinten und erzählen Sie mir von sich.«

O’Grady folgte ihr in den hinteren Teil des Restaurants. Die Frau stellte sich vor. »Ich bin Gloria Wisemann«, sagte sie, »und das ist meine kleine Mission. Ich tue was ich kann, um andere ein bisschen aufzumuntern.«

O’Grady aber hatte von dem, was sie sagte kein einziges Wort gehört. Er starrte sprachlos auf ein verblasstes rotes und grünes Schild, das im hinteren Teil des Raumes aufgehängt war. Melchior Wisemann verkauft Parfüm von Frank N.

»Oh, Sie haben von meinem Großvater gehört?«, fragte Gloria, nachdem sie O’Gradys verwirrten Gesichtsausdruck bemerkt und sich umgedreht hatte, um zu sehen, was er betrachtete. »Der alte Heilige starb heute vor zwanzig Jahren. Er machte ein nettes Vermögen in einer Partnerschaft mit Mister Nelson. Aber dann beschloss Großvater, aus dem Parfümgeschäft auszusteigen und anderen Menschen zu helfen. Er arbeitete hier bis zu seinem Todestag. Meine Mutter starb bei meiner Geburt, und Melchior und mein Vater zogen mich auf. Ich war nur zehn Jahre alt, als Melchior starb. Mein Vater arbeitete nach ihm hier, bis er vor einem Monat bei einem Unfall getötet wurde. Ich bin jetzt ganz allein. Sie können also sehen, dass eine hilfreiche Hand wie von Gott geschickt wäre.«

Ja, Bill O’Grady lächelt noch immer, wenn er an diesen Weihnachtsabend denkt, an dem er gleich zwei Engel traf – der eine, der ihn aufforderte, einen Sinn für sein Leben zu finden und der andere, der seine Frau wurde.

* * *


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