Erzählt von Earl Marlatt
Es war im Sommer 1916. Ich befand mich in Rushville, Indiana - USA, wo der Royal Welsh Männerchor ein Konzert für die dortige Chautauqua Association gab. Sie beendeten ihr Programm mit einer Hymne, »Abide with me« (Bleib' bei mir), die von einem Quartett zu einer tiefen, zeitweilig aussetzenden und wieder anschwellenden Begleitung gesungen wurde. Solch ein Finale erschien an einem musikalischen Mittwochabend, bei dem eher fröhliche Chorgesänge als solche Kirchenmusik aufgeführt wurden, sonderbar. Ich war verwirrt und interessiert. Ich suchte den Dirigenten auf und fragte ihn, warum er das Programm mit einer Hymne beendet hatte.
»Wir beenden es immer auf diese Weise«, antwortete er. »Für uns ist es schon fast ein Ritual.«
Mit der Beharrlichkeit eines Reporters ließ ich nicht locker, bis ich die Geschichte, erfuhr, die der Grund für diese Tradition war.
»Wir befanden uns auf der Lusitania, als sie im irischen Meer torpediert wurde«, begann er zu erzählen.
»Wir sahen eine sich kreuzende Kräuselung auf dem Wasser und hörten darauf weiter unten eine gedämpfte Explosion. Ein paar Minuten später fing das Schiff an, sich zu neigen. Wir erkannten unsere Situation und beschlossen, sofort zu handeln. Da wir an der walisischen Küste groß geworden sind, waren wir ausgezeichnete Schwimmer. So zogen wir unsere Schwimmwesten an und hatten vor, vom Deck über die Reling ins Wasser zu springen, bevor das Passagierschiff versinken würde. Wir legten unsere Richtung genau fest. Wir würden soweit wie möglich unter Wasser schwimmen und uns außerhalb des Sogbereichs treffen, der, wie wir wußten, nach dem Sinken des Schiffes entstehen würde.«
»Wir schafften es gerade noch rechtzeitig. Als wir ein paar Meter von einander entfernt auftauchten und zurückschauten, sahen wir die Lusitania eine Sekunde lang aufrecht stehen und dann schrecklich kreischend ins Meer versinken. Mit aller Kraft schwammen wir zusammen weiter und weiter. Eine beschädigte Rettungsinsel schwamm auf uns zu. Sie war nutzlos, nur noch etwas, an das man sich festklammern konnte, wenn man vom Wassertreten und sich übers Wasser halten müde wurde. All die Rettungsboote die unterwegs waren, verfehlten uns. Die Sonne ging über der Stelle unter, wo die Lusitania gesunken war. Es wurde plötzlich finster und sehr kalt.«
»Unsere Finger und langsam auch unsere Körper wurden steif. Das Festklammern an der Rettungsinsel machte uns immer größere Schwierigkeiten. Ohne auch nur den geringsten Lichtschimmer oder ein einziges Geräusch auf dem Meer zu entdecken, gaben wir die Hoffnung auf Rettung auf und widerwillig gestanden wir es uns gegenseitig ein. Da wir Christen waren, wollten wir zu einer Zeit wie dieser unsere letzten Worte dem Herrn widmen. Keiner von uns fühlte sich jedoch gut genug, um zu beten. Aber wir waren es gewohnt zu singen manchmal auch christliche Hymnen. Wir kamen überein, eine Strophe einer Hymne zu singen, um uns dann leise ins Meer sinken zu lassen. Wir wählten also 'Bleib bei mir'.«
»Bleib bei mir: Der Abend bricht geschwind herein
Die Dunkelheit nimmt zu; Herr, bleib' bei mir.
Wenn andere Helfer versagen und Trost entflieht,
Helfer der Hilflosen, oh bleib' bei mir!«
»Als wir dann die Strophe beendeten, ertönte ein Nebelhorn. Unsere Stimmen, die über das Meer getragen wurden, hatten einen Zerstörer erreicht, der an der Stelle kreuzte, wo die Lisutania gesunken war. Wir bekamen neuen Mut und sangen die übrigen Strophen. Durch die Musik der Hymne geleitet, steuerte die Mannschaft des Zerstörers direkt auf uns zu, holte uns heraus und beförderte uns sicher an Land.
Seitdem denken wir, dass es es das Mindeste ist was wir tun können, nämlich diese Hymne am Ende unserer Konzerte als Dankgebet zu benutzen.«
Die RMS Lusitania war ein britisches Dampfschiff, das am 7. Mai 1915 während des ersten Weltkriegs vor der Küste Irlands torpediert wurde. 1198 Menschen kamen dabei ums Leben.