DAS ELEND DER ERZIEHUNG IST DAS ELEND DER SCHULE
Kinder der Glotze
GEWALTBEREITE Jugendliche, konzentrationsschwache Schulkinder, überforderte Lehrer und Unterrichtskonzepte, die sich am Fernsehen orientieren - die Bilanz der antiautoritären Ansätze der späten Sechziger- und Siebzigerjahre in Sachen Schule und Unterricht fällt nicht gerade positiv aus. Dass Schulen vor allem das (richtige) Konsumieren einüben, dass die Ausbildung der Kritikfähigkeit dabei auf der Strecke bleibt und die Vernunft vor den Verlockungen der Zerstreuung kapituliert, wird in der Regel billigend in Kauf genommen. Bleibt die Frage, ob mit der Fabrikation eines Individuums fließender Identität eine Entwicklung angestoßen ist, an deren Ende das Verschwinden des mit einem kritischen Bewusstsein ausgestatteten Menschen steht.
Von DANY-ROBERT DUFOUR *
* Philosoph, Professor an der Universität Paris-VIII, Verfasser u. a. von "Folie et démocratie", Paris (Gallimard) 1998.
Die Fabrikation des neuen, "postmodernen", unkritischen und "psychotisierenden" Menschens ist das Ergebnis eines erschreckend effizienten Unternehmens zweier zentraler Institutionen: des Fernsehens einerseits und des neuen Schulwesens andererseits, das sich durch die vorgeblich "demokratischen", dabei jedoch stets auf die Schwächung der Kritikfähigkeit ausgerichteten Reformen der letzten dreißig Jahre erheblich verändert hat.
Die Zurichtung der Kinder durch das Fernsehen beginnt sehr früh. Noch bevor die Kinder heute in die Schule kommen, sind sie bereits mit Fernsehbildern überfüttert. Das anthropologisch Neue daran ist, dass sie oft schon fernsehen, bevor sie sprechen können.
Die Überschwemmung des familiären Raums durch diesen ununterbrochenen Bilderfluss wirkt stark auf die Entwicklung des künftigen Menschens ein. Wir geben dem Inhalt der Bilder die Schuld, verurteilen zum Beispiel Gewaltdarstellungen und merken dabei nicht, dass das Medium selbst gefährlich werden kann, unabhängig von dem, was es verbreitet. Schließlich gab es auch in den Märchen, die einst unsere Großmütter erzählten, allerlei Kinder fressende Ungeheuer, die den heute verbreiteten blutrünstigen Gestalten in nichts nachstanden.
Es besteht jedoch ein nicht zu unterschätzender Unterschied zwischen dem eindeutig imaginären Universum des Ungeheuers im Märchen, das das Kind zwingt, dieses Universum als eine andere Welt (die Welt der Fiktion) zu denken, und dem ausgesprochen realistischen Universum der Fernsehunterhaltung mit ihren Gewalttaten, Vergewaltigungen und Morden, die keine Distanz zur wirklichen Welt hat. Gewiss bewirkt das Fernsehen durch den Vorrang, den eine allgegenwärtige und aggressive Werbung in ihm einnimmt, in der Tat eine frühzeitige Fixierung der Kinder auf den Konsum, doch das Problem liegt nicht allein im Inhalt der Bilder, sondern auch im Medium selbst.
Die Familie - der Ort der intergenerationellen Vermittlung von Kultur - findet sich durch das Fernsehen zunehmend auf eine kümmerliche Rolle reduziert. In der Generation der "Fernsehkinder" hat es den Eltern die Erzieherrolle praktisch abgenommen. Und das reduzierte Zeitbudget der Familie für die transgenerationelle Kulturvermittlung zeitigt bereits Wirkung - bis hin zum Zusammenbruch des symbolischen und psychischen Universums.
Schule des totalen Kapitalismus
Kein Wunder, dass viele Lehrer heute die bittere Feststellung treffen, die Kinder, die sie vor sich haben, seien "keine Schüler mehr" und "hörten nicht mehr zu".(4) Sprechen tun sie wahrscheinlich auch nicht mehr. Nicht dass sie stumm geworden wären, im Gegenteil. Aber sie haben die größten Schwierigkeiten, sich in ein Gespräch einzureihen, das jedem abwechselnd seinen Platz zuweist: mal den des Sprechenden, mal den des Zuhörenden. Sie können nicht mehr in einen Diskurs eintreten, der es dem einen (dem Lehrer) erlaubt, auf Vernunft gründende Aussagen (ein in Generationen akkumuliertes und ständig aktualisiertes Wissen) zu formulieren, und dem anderen (dem Schüler), sie so weit wie nötig zu diskutieren.
Wenn sich die Kinder zur Gewaltanwendung gezwungen und Machtbeziehungen ausgesetzt sehen, dann deshalb, weil ihnen kein anderer Ausweg gezeigt worden ist: Sie sind darauf abgerichtet, die Berufung auf Vernunft und geduldige, diskursiv-kritische Gedankenarbeit zu meiden.
Die Fabrikation des unkritischen Individuums mit fließender Identität ist also keineswegs Zufall: Diese Aufgabe erledigen Fernsehen und Schule mit großer Zuverlässigkeit. Der kapitalistische Traum besteht nicht nur darin, die Herrschaft der Ware bis ans Ende der Welt auszudehnen (Stichwort: Globalisierung), wo dann alles und jedes Warencharakter erhielte (die Rechte an Wasser, am Genom, an lebenden Arten, am Kauf und Verkauf von Kindern oder menschlichen Organen usw.), sondern auch darin, den herkömmlichen Privatangelegenheiten, die bisher jedem Einzelnen überlassen waren (Ausbildung der Subjektivität, der Sexualität etc.), Warencharakter aufzuzwingen.
Wir stehen in dieser Hinsicht an einem entscheidenden Wendepunkt. Denn wo der Mensch als solcher angetastet wird, sind nicht mehr nur die Institutionen in Gefahr, die wir gemeinsam haben, sondern auch und vor allem das, was wir sind. Dann wird nichts mehr einem totalen Kapitalismus Einhalt gebieten können, in dem alles, ausnahmslos alles, Teil der großen, weiten Warenwelt sein wird: die Natur, alles, was lebt, und die Gefilde des Imaginären.
dt. Holger Fliessbach
Fußnoten:
(1) Siehe "Les désarrois de lindividu-sujet", Le Monde diplomatique, Februar 2001. Wie der große Historiker Fernand Braudel schreibt, entstand die Moderne "irgendwann zwischen 1400 und 1800" und ist daher zeitgleich mit dem Kapitalismus.
(2) Siehe Dany-Robert Dufour, "Les mystères de la trinité", Paris (Gallimard) 1990.
(3) Wie diese Konfusion aussehen könnte, davon vermittelt der Film "Bennys Video" (1993) von Michael Haneke ziemlich überzeugend eine erschreckende Vorstellung. Man sieht darin einen Jugendlichen, der zu seinen Eltern rein funktionale Beziehungen unterhält und dessen Kontakt zur Welt einzig über das Medium Videofilm vermittelt ist. Als sich ihm ein kleiner Teil dieser Welt realiter präsentiert (in Gestalt eines jungen Mädchens), reagiert er auf eine vollkommen verfehlte Weise, nämlich mit einem Verbrechen.
(4) Siehe Adrien Barrot, "Lenseignement mis à mort", Paris (Librio) 2000.
(5) Vgl. die vielen Fälle von Depression bei Lehrern, die der frühere Minister Claude Allègre als Folge von Medikamentenmissbrauch abtun zu dürfen glaubte.
(6) In Le Monde, 24. November 1999.
(7) Jean-Claude Michéa, "LEnseignement de lignorance", Castelnau (Climats) 1999.
(8) Zur Integration des libertären Protests in den Neoliberalismus siehe Luc Boltanski und Eve Chiapello, "Le Nouvel esprit du capitalisme", Paris (Gallimard) 1999. Siehe auch: Serge Halimi, "Vom Protest zur Lobby", Le Monde diplomatique, April 2001