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Auszüge aus: Le Monde diplomatique Nr. 6751 vom 17.5.2002


DIE NEW YORKER POLIZEISTRATEGIE AUF DEM PRÜFSTAND

Null Toleranz für die Mär von der Sicherheit

In fast allen Ländern Europas wird in puncto Sicherheit auf die angeblichen Erfolge in Amerika, insbesondere in New York, verwiesen. Aber: Sind Straßen und Plätze in den großen Städten wirklich so unsicher geworden? Was sagt die Kriminalitätsstatistik? Und vor allem: Was taugen die amerikanischen Erfolgsmeldungen?

Von LOÏC WACQUANT *

* Soziologe an der University of California, Berkeley, und am Centre de Sociologie Européenne in Paris. Autor von "Corps et âme. Carnets ethnographiques d'un apprenti boxeur", Marseille (Agone Verlag) 2000, sowie von "Punir les pauvres", das bei demselben Verlag in Vorbereitung ist.

ANGST und Empörung greifen um sich in Europa. Denn die "Gewalt in den Städten" und die "Jugendkriminalität" gefährden, so heißt es, den Zusammenhalt der entwickelten Gesellschaften und erfordern zu ihrer Bekämpfung härtere Strafen. Längst ist das "Verbrechen" auf die Straßenkriminalität reduziert, sprich auf die Schandtaten der niederen Klassen. Auf diese Weise bemühen sich in Frankreich amtierende wie kandidierende Politiker, die in sozialen wie wirtschaftlichen Belangen immerzu die staatliche Ohnmacht beschwören, in puncto "Sicherheit" eine letzte Bastion der Handlungsfähigkeit des Staates aufrechtzuerhalten.(1 )Sie kanonisieren das "Recht auf Sicherheit", während das "Recht auf Arbeit" zuschanden wird. Denn Letzteres steht zwar in der Verfassung, wird aber angesichts anhaltender Massenarbeitslosigkeit und der Ausweitung der wilden Lohnarbeit zum reinen Hohn. So verlieren immer mehr Menschen ihre Sicherheit.


Längst sind die französischen Abendnachrichten zu vermischten Meldungen über Straftatbestände geworden. Missetaten drohen immer und überall. Hier ein pädophiler Lehrer, dort ein getötetes Kind, dann ein städtischer Bus, der mit Steinen beworfen wurde. Unter dem Titel "Gewalt in den Schulen" wurde in einer Sendung die Geschichte eines Grundschülers aufgerollt, der nach einer Erpressung durch Mitschüler Selbstmord beging - ein außergewöhnlicher Fall, der im Namen der Quote als Paradebeispiel herhalten musste.


Auch Zeitschriften und Magazine sind voll von Reportagen, in denen "die echten Zahlen", "verborgenen Fakten" und andere "explosive Neuigkeiten" zum Thema Kriminalität geboten werden. Dabei wetteifert die Sensationsgier mit der moralisierenden Empörung; es werden Schrecken erregende Karten über "gefährliche Gegenden" angefertigt, verbunden mit "praktischen Ratschlägen", wie man den vorgeblich allgegenwärtigen verschiedenartigen Gefahren trotzen kann.(2)

Überall hört man Klagen über die Untätigkeit der Behörden und die Unfähigkeit der Justiz; ständig wird die angstbesetzte oder übertriebene Entrüstung der anständigen Leute beschworen. Demonstrativ ergreift die französische Regierung Maßnahmen zur Verbrechensbekämpfung, doch selbst den abgestumpftesten unter ihren Mitgliedern müsste klar sein, dass dies für die Probleme, die sie lösen sollen, rein gar nichts bewirkt. Ein Beispiel: Für jeden französischen Polizisten ist eine kugelsichere Weste angeschafft - und teuer bezahlt - worden, obwohl 97 Prozent während ihrer Laufbahn niemals in eine bewaffnete Auseinandersetzung geraten und obwohl die Zahl der im Dienst getöteten Polizisten in den letzten zehn Jahren um die Hälfte zurückgegangen ist.


Nicht zufällig sind in den letzten Jahren französische, britische, italienische, spanische und deutsche Politiker linker wie rechter Couleur nach New York gepilgert. Sie konnten dadurch ihre neue Entschlossenheit zum Kampf gegen die Straßenkriminalität demonstrieren und sie ließen sich von den amerikanischen Behörden in deren Konzepten und Maßnahmen unterweisen.(4) Seither stützt sich das Einheitsdenken in Sicherheitsfragen auf die Wissenschaft und Politik der amerikanischen crime control. Dieses Denken besteht aus einer Kombination wissenschaftlicher Märchen, deren vier Kernaussagen durchleuchtet werden müssen.


Erstes Märchen: Das von Kriminalität gebeutelte Amerika ist inzwischen weitgehend befriedet und steht mit seiner Kriminalitätsstatistik besser da als Frankreich und andere europäische Länder. Diesem Märchen zufolge hatten die Vereinigten Staaten bis vor kurzem eine verheerend hohe Kriminalität zu verzeichnen. Erst durch die Innovationen im Polizei- und Strafwesen nach New Yorker Vorbild sei "das Problem der Kriminalität gelöst worden". Zur gleichen Zeit seien die Länder des alten Europa mangels entschlossener Politik von einer Spirale der Gewalt in den Städten erfasst worden.


Es lagen 1995 die Vereinigten Staaten bei Autodiebstählen und Körperverletzungen an zweiter Stelle hinter Großbritannien, bei den Einbrüchen weit hinter Kanada an dritter Stelle, bei sexuellen Übergriffen an siebenter Stelle und bei den einfachen Diebstählen mit nur halb so vielen Fällen wie die Niederlande sogar an letzter Stelle.


Dennoch ist ihre Mordrate mit jährlich 10 Toten auf 100 000 Einwohner zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts und mit 6 Toten auf 100 000 Einwohner heute immer noch sechsmal so hoch wie die in Frankreich, Deutschland oder Großbritannien. Die Vereinigten Staaten haben also ein besonderes Problem mit tödlicher Gewalt durch Feuerwaffen, die sich sehr stark auf die Gettos in den Städten konzentriert. Diese Gewalt hat zum einen mit dem freien Verkauf von über 200 Millionen Gewehren und Pistolen zu tun (4 Millionen Amerikaner tragen jeden Tag eine Waffe mit sich), zum anderen mit der tiefen Verwurzelung des Schwarzmarkts in den benachteiligten Vierteln der Großstädte.


Das "amerikanische Modell", das keines ist

DIE Entwicklung der Gewaltverbrechen in Frankreich (und in ganz Europa) lässt keine Annäherung an jenes "amerikanische Modell" erkennen, das so auffällig von Gewalt mit tödlichem Ausgang geprägt ist. Die Mordraten in Frankreich sind in den letzten zehn Jahren um ein Fünftel gesunken, und zwar von 4,5 Opfern pro 100 000 Einwohner im Jahr 1990 auf 3,6 Opfer pro 100 000 Einwohner im Jahr 2000. Obwohl tätliche Auseinandersetzungen und vorsätzliche Körperverletzungen merklich zugenommen haben, bedroht diese Gewalt keineswegs "alle überall", sondern konzentriert sich auf Jugendliche aus Arbeitermilieus und ist im Allgemeinen harmlos: In der Hälfte aller Fälle waren die Übergriffe, von denen die Behörden Kenntnis erhielten, ausschließlich verbaler Natur. Nur einer von 20 Fällen hatte eine krankenhausreife Verletzung oder einen Arbeitsausfall zur Folge.(6)


Zweites Märchen: In New York und anderswo hat die Polizei die Kriminalität besiegt. Vor kurzem hat das Manhattan Institute - ein ultrakonservativer US-Think-Tank und Zentrum der weltweiten Kampagne zur Kriminalisierung des Elends - in einem Bericht dieses zweite Märchen nachhaltig bestätigt: Dem zufolge beruht der kontinuierliche Rückgang der Verbrechensraten in den Vereinigten Staaten darauf, dass man die Ordnungskräfte nach New Yorker Vorbild von ideologischen Tabus und juristischen Zwängen befreit hat.(7) Doch auch hier sprechen die Tatsachen eine eindeutige Sprache: Sämtliche wissenschaftlichen Untersuchungen haben ergeben, dass die Polizei nicht jene ausschlaggebende Rolle gespielt hat, die ihr die Verfechter einer Kriminalisierung von Armut und sozialer Unsicherheit gern zuschreiben. Im Gegenteil.


Drittes Märchen: Das Gerede von "null Toleranz" verschleiert die tatsächliche Reform der Sicherheitsorgane. Glaubt man den Märchen, die die neoliberalen Think-Tanks und ihre publizistischen und politischen Ableger verbreiten, hat die New Yorker Polizei die Hydra des Verbrechens mit einer speziellen Taktik namens zero tolerance besiegt. Diese besteht darin, die banalsten Vergehen im öffentlichen Raum gnadenlos zu verfolgen. So wird seit 1993 jeder, der in der U-Bahn bettelt oder auf der Straße herumstreunt, der sein Autoradio zu laut stellt, Hausmauern bekritzelt oder den Bürgersteig verschmutzt, verhaftet und hinter Gitter gebracht. "Schluss mit den einfachen Kontrollen auf dem Kommissariat. Wer auf der Straße uriniert, wandert hinter Gitter. Wir sind entschlossen, jede ,eingeschlagene Fensterscheibe' zu reparieren (d. h. die geringsten äußersten Anzeichen der Unordnung) und jeden daran zu hindern, sie von neuem einzuschlagen." Diese Strategie, behauptet Polizeichef William Bratton, "funktioniert in Amerika" und würde auch "in jeder anderen Stadt der Welt funktionieren"(10).

dt. Herwig Engelmann

Fußnoten:

(1) Vgl. Loïc Wacquant, "Les Prisons de la misère", Paris 1999.

(2) Vgl. Serge Halimi, "L'insécurité des média", in: Gilles Sainati und Laurent Bonelli (Hrsg.), "La Machine à punir", Paris 2001.

(3) Vgl. Actes de la recherche en sciences sociales, Nr. 138 und 139, Juni und September 2001, zur "amerikanischen Ausnahme". Außerdem den Artikel "L'Amérique dans les têtes" in Manière de voir, Nr. 53.

(4) Vgl. "Statt der Armut werden die Armen bekämpft", Le Monde diplomatique, April 1999.

(5) Der International Crime Victimization Survey ist eine Erhebung auf der Grundlage von Haushaltsbefragungen. Sie wird seit 1989 alle vier Jahre unter der Schirmherrschaft des niederländischen Justizministeriums durchgeführt und vergleicht die Raten der kriminellen Viktimisierung in den wichtigsten Industrieländern.

(6) Laurent Mucchielli, "Violences et insécurités. Fantasmes et réalités dans le débat français", Paris 2001, S. 67.

(7) George L. Kelling und William H. Souza, "Does Police Matter? An Analysis of the Impact of NYC's Police Reforms", New York, Manhattan Institute, Civic Report Nr. 22, Dezember 2001.

(8) Jeffrey Fagan, Franklin Zimring und June Kim, "Declining Homicide in New York City: A Tale of Two Trends", Journal of Criminal Law and Criminology, 88-4, Sommer 1998, S. 1277-1324.

(9) Zum alltäglichen Crackhandel in East Harlem vgl. Philippe Bourgois, "En quête de respect. Le commerce du crack à New York", Paris 2001.

(10) William W. Bratton mit Peter Knobler, "Turnaround: How America's Top Cop Reversed the Crime Epidemic", New York 1998, S. 229, 309.


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