01.08.2006
Im Krieg muss die Rettung der Umwelt warten
Libanon-Ölpest eine der schlimmsten Katastrophen im Mittelmeer
Bei der Bombardierung eines Kraftwerks im Libanon durch die israelische Armee sind vor über zwei Wochen laut der libanesischen Regierung mindestens 10.000 bis 15.000 Tonnen Öl ins Mittelmeer gelangt. Die Umweltschutzorganisation WWF spricht "von einer der drei größten Ölkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte im Mittelmeer". Doch angesichts der anhaltenden Kampfhandlungen sind die Hilfskräfte machtlos.
Mitte Juli beschoss die israelische Luftwaffe das Kraftwerk Dschije südlich von Beirut. Mehrere Öltanks wurden getroffen, der Inhalt mindestens eines Reservoirs ergoss sich ins Meer. "Es ist zweifelsohne die größte Umweltkatastrophe, die das Mittelmeer jemals erlebt hat", sagte Libanons Umweltminister Yacoub Sarraf am Wochenende. Gaby Chalaf, Leiterin des libanesischen Meereszentrums, sagt, es sei auch diese Woche immer noch nicht klar, ob auch das Öl eines zweiten Tanks ins Meer gelaufen ist. Dann könnten möglicherweise bis zu 35.000 Tonnen Öl ausgetreten sein.
WWF: Schwerste Ölkatastrophe seit 1991
Der WWF Deutschland spricht von der schwersten Ölkatastrophe im Mittelmeer seit 1991, als im der Öltanker "Haven" im Golf von Genua in Brand geriet und große Teile der italienischen und französischen Riviera verschmutzte. Damals sei aber ein beträchtlicher Teil des Öls verbrannt und gar nicht erst ins Meer gelangt, sagt WWF-Experte Stephan Lutter in Hamburg. Von der ausgetretenen Ölmenge her eher vergleichbar sei die libanesische Ölpest mit der Havarie der "Erika" 1999 vor der Bretagne. Damals wurden mehr als 400 Kilometer Strand am Atlantik verschmutzt und 150.000 Seevögel getötet.
Bildquelle dpaDeutsches Spezialschiff "Neuwerk" hilft bei Ölpest der "Erika (1999)Ob die Katastrophe im Libanon solche Ausmaße erreicht, ist offen. Laut dem UN-Öleinsatzzentrum für das Mittelmeer (Rempec) auf Malta handelt es sich bei dem Öl um eine mittelschwere Sorte. Das Dokumentations- und Forschungszentrum für Wasserverschmutzung durch Unfälle (Cedre) im französischen Brest verweist darauf, dass das Öl damit weniger dickflüssig ist als das der "Erika", aber mit der Zeit werde auch diese Sorte durch den Kontakt mit Wasser stärker verkleben und schwieriger von Stränden und Felsen zu entfernen sein.
Bis nach Syrien
Der Ölteppich breitete sich laut Rempec bisher stetig nach Norden aus und erstreckte sich zuletzt bis 80 Kilometer nördlich des Kraftwerkes, was rund einem Drittel der gesamten Küste Libanons entspricht. Normalerweise würde das UN-Zentrum die Rettungs- und Säuberungsaktion durch Anforderung von Schiffen und Material koordinieren. Greenpeace-Experte Jörg Feddern geht davon aus, dass diese Aktion selbst bei einem sofortigen Einsatz mindestens ein halbes, wenn nicht ein ganzes Jahr dauern würde. Wegen der andauernden Kampfhandlungen sind die Helfer jedoch zum Zuschauen verdammt.
Vor einigen Tagen wurde das Einsatzzentrum von Syrien informiert, dass auch dort schon Ölklumpen gefunden wurden. Zur Zeit lässt die UNO-Organisation ein Strömungsmodell erstellen, das die weitere Ausbreitung vorhersagen soll, und bemüht sich um Satellitenbilder. Greenpeace wie WWF schließen nicht aus, dass auch die Türkei und Zypern betroffen sein könnten. Der WWF verweist auf die Zerstörung von Fischlaichplätzen und die Verschmutzung von Gebieten, die von Zugvögeln als Zwischenstation genutzt werden. Besorgt ist die Organisation auch über das Schicksal der seltenen Grünen Meeresschildkröte in der Region.
Neun Jahre zur Säuberung
Laut der libanesischen Biologin Chalaf, die Ende vergangener Woche die Auswirkungen entlang der Küste erkundete, wurde zumindest ein Teil der Verschmutzung von den Stränden inzwischen durch das Meer weggeschwemmt. Der 25 Kilometer lange Bereich südlich von Beirut bis Dschije sei aber noch "vollkommen schwarz". In Gebieten mit hoher Ölkonzentration würden Phytoplankton, Fische und Meerespflanzen voraussichtlich komplett vernichtet. Christian Buchet vom Zentrum für Meeresstudien in Paris geht davon aus, dass es neun Jahre dauern wird, bis das Öl durch Säuberung und natürlichen Abbau aus der Region wieder ganz verschwunden ist.
Von Martin Trauth und Anne Chaon, AFP