
reuters
31.12.2004
Flut: Insgesamt über 125.000 Tote
Mehr als 2200 Ausländer
in Thailand umgekommen
Zahl dreimal höher als bisher bekannt
Fünf Tage nach der Flutkatastrophe in Südostasien hat die Zahl der Flutopfer in ganz Südostasien hat inzwischen die Marke von 125.000 überschritten. Die Zahl der registrierten Toten in Thailand hat sich fast verdoppelt, die der darin enthaltenen Ausländer sogar verdreifacht. Nach jüngsten Regierungsangaben kamen mindestens 2230 ausländische Touristen in den Fluten um, bislang war von rund 700 die Rede gewesen.
Die Gesamtzahl der Toten in Thailand wurde am Freitagmorgen mit 4510 angegeben. Bis Donnerstagabend waren erst 2400 registrierte Tote gemeldet worden.
Am Freitag wurde jedoch bekannt, dass allein an einem 30 Kilometer langen Strandabschnitt in der Provinz Phang Nga nördlich der Ferieninsel Phuket rund 3500 Leichen gefunden wurden. Diese waren zu einem Großteil noch nicht in die vorläufige Opferbilanz eingegangen. Ministerpräsident Thaksin Shinawatra warnte, dass die Zahl der Toten sogar auf 7000 ansteigen könnte. Etwa 6500 Menschen galten nach Angaben des Innenministeriums weiter als vermisst.
Der Inselstaat Sri Lanka korrigierte am Freitag die bisherige Todeszahl von knapp 25.000 auf insgesamt 28.475 Menschen. Fast 4900 Menschen würden immer noch vermisst, teilte das Büro von Präsidentin Chandrika Kumaratunga mit. Über 12.000 weitere Menschen waren demnach verletzt; knapp 900.000 Menschen verloren ihr Zuhause.
Hilfslieferungen geplündert
In Sri Lanka rechneten Katastrophenhelfer kaum noch damit, Überlebende zu finden. Fast zwei Drittel der Küste der Urlaubsinsel war von den verheerenden Flutwellen am Sonntag getroffen worden. Helfer berichteten, dass Hilfslieferungen geplündert wurden. In Sri Lanka war am Freitag nationaler Trauertag. Im ganzen Land wehten weiße Trauerflaggen. Alle Silvester-Feierlichkeiten wurden abgesagt.
Die Toten der Flutkatastrophe
Die Zahl der registrierten Todesopfer nach der verheerenden Flutwelle in Asien ist bis Freitag auf über 125.000 gestiegen. Tausende Menschen wurden weiterhin noch vermisst. Die amtlich veröffentlichen Zahlen von Todesopfern nach Ländern:
Die indonesische Regierung befürchtet einen Anstieg der Zahl der Todesopfer durch die Flutkatastrophe auf 100.000. Im besonders betroffenen Nordwesten der Insel Sumatra würden immer noch weitere Leichen gefunden, sagte Gesundheitsministerin Siti Fadillah Supadi am Freitag in Jakarta. Offiziell bestätigt waren zunächst knapp 80 000 Tote. Die Gesundheitsbehörden hatten bereits am Donnerstag gewarnt, dass durch verwesende Leichen Hunderttausende Überlebende von Seuchen bedroht seien.
Fünf Tage nach der Jahrhundert- Katastrophe in Asien wächst außerdem die Gefahr eines Seuchenausbruchs. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden in Süd- und Südostasien etwa fünf Millionen Menschen durch die Flutwellen obdachlos. Hunderttausende sind von Epidemien bedroht. Auch am Freitag arbeiteten Helfer und Einheimische fieberhaft daran, die zahllosen Leichen zu begraben oder zu verbrennen. Die Zahl der Opfer steigt unterdessen immer weiter.
Sumatra: Fast 80.000 Tote
Nach bisherigen Angaben und Schätzungen starben am Sonntag in Süd- und Südostasien durch das Erdbeben oder die Flutwellen mehr als 120.000 Menschen. Allein auf der indonesischen Insel Sumatra kamen nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Jakarta fast 80.000 Menschen ums Leben. Mindestens eine halbe Million Menschen seien "bei dieser beispiellosen globalen Katastrophe" verletzt worden, sagte UNO-Generalsekretär Kofi Annan am Donnerstag vor der Presse in New York.
Bislang haben mehr als 30 Staaten und Organisationen mehr als eine halbe Milliarde Dollar (rund 366 Millionen Euro) an Finanzhilfe bereitgestellt oder fest zugesagt. In der Nacht zum Freitag landete der Lazarett-Airbus "MedEvac" der Bundeswehr mit 49 zum Teil schwerst Verletzten der Flutkatastrophe auf dem Flughafen Köln-Bonn. Die fliegende Intensivstation soll schon am Freitagmittag wieder nach Phuket fliegen.
Im ostafrikanischen Staat Somalia ist die Zahl der Flutopfer nach offiziellen Angaben vom Freitag auf mehr als 200 gestiegen. Dies sei die Zahl der geborgenen Leichen, erklärte Präsidentensprecher Yusuf Mohamed Ismail. Viele weitere Menschen würden aber noch vermisst. Besonders betroffen von der Katastrophe sei die Küste der halbautonomen Region Puntland mit der Insel Hafun. Dort seien etwa 30 Prozent der Gebäude zerstört worden. Hafun, wo 5000 bis 7000 Menschen lebten, stehe noch immer unter Wasser. Nach UNO-Angaben sind in Somalia 30.000 bis 50.000 Menschen von der Flut betroffen und benötigen dringend Hilfe.
US-Delegation reist in Region
US-Außenminister Colin Powell wird die Region direkt nach dem Jahreswechsel besuchen. Zu der Delegation, die am kommenden Sonntag zu einer Reise in die Erdbebenregion aufbrechen werde, gehöre auch der Gouverneur des US-Bundesstaates Florida Jeb Bush, sagte der stellvertretende Sprecher des Weißen Hauses Trent Duffy am Donnerstag in Crawford.

Powell wird am heutigen Freitag in New York mit Annan über die weitere Hilfe für die Erdbebenopfer in Südostasien sprechen. Dabei geht es vor allem um die Führungsrolle sowie um die Regelung der weiteren Zusammenarbeit. Die USA werden an der für Anfang Januar geplanten Geberkonferenz zur Hilfe für die betroffenen Länder teilnehmen. Außerdem soll bei der nächsten Sitzung des Pariser Clubs am 12. Januar über den weiteren Umgang mit den Schulden der betroffenen Länder gesprochen werden.
"Mehrere hundert Deutsche"
Der Krisenstab des Außenministeriums in Berlin geht seit Donnerstag von mehr als 1000 vermissten Deutschen aus. "Angesichts der furchtbaren Zerstörung müssen wir befürchten, dass mehrere hundert Deutsche unter den Toten sein werden", sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner vorab veröffentlichten Neujahrsansprache. Er regte zur langfristigen Hilfe in Südostasien Patenschaften der wohlhabenden Industriestaaten für die betroffenen Regionen an. "Wir dürfen die von der Flutwelle am stärksten betroffenen Länder, die Menschen dort, nicht allein lassen. Nicht jetzt, aber auch nicht in Zukunft", sagte der Kanzler.
Nach Angaben des Berliner Außenministeriums konnten 33 getötete Deutsche identifiziert werden - 26 von ihnen kamen in Thailand ums Leben und sieben in Sri Lanka. 260 deutsche Touristen wurden bei der Katastrophe verletzt.
Schily bittet um Rückmeldungen
Innenminister Otto Schily hat alle Bürger, die Angehörige oder Freunde in den Katastrophenregionen Asiens vermissen, aufgerufen, dies bei den Polizeidienststellen zu melden. Die Informationen sollen an den Krisenstab des Auswärtigen Amtes weitergeleitet werden und bei der Identifizierung vermisster Personen helfen.
Möglicherweise seien nicht alle aus den Flutgebieten heimgekehrten Urlauber erfasst worden. Das Innenministerium bittet darum, alle Pauschal- und insbesondere Individualreisenden, sich bei den örtlichen Polizeidienststellen zu melden. Gleiches werde auch von denjenigen erbeten, die eine Vermisstenanzeige aufgegeben hätten und nun Kenntnis über den Verbleib der vermisst gemeldeten Personen erhielten.
Luftbrücke des Roten Kreuzes
Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) richtet eine Luftbrücke für Wasseraufbereitungsanlagen, Medikamente und Personal nach Südasien ein. Am 31. Dezember und am 2. Januar wird je eine Maschine von Köln/Bonn zum Weiterflug nach Indonesien beladen. Eine Gesundheitsstation soll in der am schwersten betroffenen indonesischen Provinz Aceh eingerichtet werden. Bis zu 20.000 Menschen erhalten damit laut DRK medizinische Betreuung.
Auf den Malediven wurden 75 Tote offiziell bestätigt. In Indien wurden 7330 Tote offiziell bestätigt. Schätzungen gehen von mehr als 10.000 Toten aus. Die Rettung der deutschen Touristen von Sri Lanka war vier Tage nach der Flutkatastrophe abgeschlossen. "Jeder ausreisewillige Deutsche ist ausgeflogen worden", sagte der deutsche Botschafter Jürgen Weerth am Donnerstag in Colombo.
Keine neue Tsunami-Gefahr
Nach dem Tsunami-Alarm in Indien gab das Innenministerium in Neu Delhi Entwarnung. In einer Mitteilung des Ministeriums hieß es, das indische Meteorologische Institut sehe derzeit keine Seebeben-Gefahr. Die Bundesstaaten an den Küsten sollten aber weiter wachsam sein. Der Alarm hatte zu massiver Panik an den Küsten in Indien und Sri Lanka geführt.
Die zu Indien gehörende Inselgruppe der Andamanen und Nikobaren sind anscheinend nicht so schwer betroffen wie zunächst befürchtet. "Unsere Hubschrauber und Marineschiffe haben bestätigt, dass die exotischen Stämme (...) alle sicher sind", sagte der Chef der Küstenwache, Arun Kumar Singh, der Zeitung "The Telegraph" vom Freitag. Unklar ist bislang, wie viele tote Eingeborene zu beklagen
4500 Schweden vermisst
Etwa 600 Bürger der Europäischen Union werden seit der Flutkatastrophe noch auf Sri Lanka vermisst. Das schwedische Außenministerium hat die Zahl der vermissten Bürger des eigenen Landes nach der Flutwelle in Thailand auf 3500 beziffert und gegenüber bisherigen Angaben mehr als verdoppelt. Schweden ist damit das am stärksten von der Katastrophe betroffene europäische Land. Außenministerin Laila Freivalds erklärte am Freitag nach ihrer Rückkehr von einem Besuch im Unglücksgebiet, man müsse mit weit mehr als tausend Toten rechnen. Bisher sind 44 schwedische Opfer identifiziert.
Ein Ministeriumssprecher begründete die drastische Anhebung der Vermisstenzahlen mit der "ungeheuer schwierigen Situation" in Thailand. Eine Stockholmer Zeitung hatte am Vortag durch Anrufe bei allen schwedischen Reiseveranstaltern ermittelt, dass die Zahl der offiziell von der Regierung zunächst genannten 1400 Vermissten in Wirklichkeit mindestens doppelt so hoch sein dürfte.
Die Entwicklungshilfeminister der EU wollen am 7. Januar in Brüssel über den Wiederaufbau in der Katastrophenregion, Frühwarnsysteme und die Koordination der Hilfe beraten.