21.05.2004
Emmerichs neuer Film bald real?
Roland Emmerichs Klimakatastrophen-Film löst erneut Diskussionen aus.
Alle reden vom Wetter. Und bei jeder Anomalie - ob Hochwasser, Orkan oder Jahrhundertsommer - taucht sie wieder auf: die Frage nach dem Klimawechsel.
Jetzt heizt Roland Emmerichs Klimakatastrophen-Film "The Day After Tomorrow", der nächste Woche in die Kinos kommt, die Diskussion erneut an.
Mehr Wetterextreme
"Eine gewisse Erwärmung wird auf jeden Fall stattfinden," sagt Mojib Latif vom Max-Planck-Institut für Klimaforschung in Hamburg, und "Erwärmung insgesamt führt immer zu mehr Wetterextremen, längeren Dürren, sintflutartigen Niederschlägen, stärkeren Stürmen."
Die Jahrhundertflut 2002 hat einen ersten Vorgeschmack davon gegeben, wie das aussehen kann. In den nächsten Jahrzehnten, so Mojib, rechnet man mit einer Zunahme von Extremwetterereignissen. Auf die natürliche Erderwärmung hat der Mensch keinen Einfluss. Die durch Treibhausgase verursachte zusätzliche Erwärmung jedoch könnte durch verminderten Ausstoß von CO2 verlangsamt werden.
Klimaprotokoll von Kyoto
Das Klimaprotokoll von Kyoto hat eine Senkung des weltweiten Ausstoßes von Treibhausgasen um 5,2 Prozent im Vergleich zum Stand von 1990 beschlossen. Allerdings tritt das Protokoll erst in Kraft, wenn 55 Prozent der Staaten, die für 55 Prozent des weltweiten Ausstoßes von Treibhausgasen verantwortlich sind, es ratifiziert haben.
Die USA, der weltweit größte CO2-Emittent, haben es bis heute nicht gebilligt. Sie befürchten kurzfristige wirtschaftliche Nachteile wie eine Verteuerung von Energie und eine Erhöhung des allgemeinen Preisniveaus. Eine potentielle Klimaverbesserung, die sich erst in ferner Zukunft bemerkbar machen wird, kann solche Nachteile nicht aufwiegen, meinen Kyoto-Kritiker.
Ökologisches Oberhaus
Ein Dilemma für die westlichen Demokratien, die sich mit langfristiger Planung traditionell schwer tun. "Eine Art ökologisches Oberhaus müsste her," greift Gerhard Timm, Geschäftsführer des BUND, Vorschläge aus der Politikwissenschaft auf, "eine Institution, die alle neuen Gesetze auf ihre ökologische Verträglichkeit hin prüft und gegebenenfalls ein Veto einlegen kann."
Wenn sich nichts ändert, könnte uns noch einiges bevorstehen. Das zumindest vermittelt Roland Emmerich mit seinem Horror-Szenario "The Day After Tomorrow".
Folge der Erderwärmung
Im Film kommt als Folge der Erderwärmung der Golfstrom zum Erliegen. Warme Meeresströme, die sonst zur Erwärmung der Nordhalbkugel beitragen, bleiben aus. Plötzliche Temperatureinbrüche lösen eine Sturmflut aus, die New York buchstäblich versenkt. Binnen Tagen bricht eine Eiszeit herein.
"In Nordamerika wird es aussehen wie in der Antarktika oder in Alaska und in Europa genau das gleiche. Und in den südlichen Staaten, die ohnehin schon überbevölkert sind, wird es noch mehr Leute geben. Ich habe die Befürchtung, dass es die Amerikanisierung Lateinamerikas und die Europäisierung Afrikas werden wird," sagt Regisseur Roland Emmerich.
Von Krisen geschüttelt
In Europa ist es unmöglich geworden zu leben. Der Kontinent ist von Krisen geschüttelt. Die Weißen stehen in langen Schlangen, um Einreisegenehmigungen für Afrika, den wohlhabenden und luxuriösen Kontinent zu erhalten.
Dass die Migrationsströme bald in entgegengesetzter Richtung verlaufen könnten, hat sich auch schon Sylvestre Amoussou, Regisseur aus Benin, in seinem Kurzfilm "Africa Paradis" (Benin/Frankreich 2001) ausgemalt.
Copenhagen Consensus
Wie realistisch sind solche Szenarien? "Völlig unrealistisch," meint Björn Lomborg, der dänische Wissenschaftler, der 2002 mit seinem Buch "Apocalypse No. Wie sich die menschlichen Lebensgrundlagen wirklich entwickeln" Umweltschützer in aller Welt provozierte. "Es wird keine Eiszeit geben und keine Migrationen. Es wird 2 oder 3 Grad wärmer sein und im Jahr 2100 werden wir aufgehört haben fossile Brennstoffe zu verwenden. Das Klima wird ein Thema der Zukunft sein, aber kein extrem wichtiges."
Zur Zeit gibt es weltweit ganz andere Dinge, die akut sind, meint Lomborg: Unterernährung und Hunger, Gesundheit und Wasserversorgung, Erziehung und Bildung, Korruption usw. In Kopenhagen startet er an diesem Wochenende mit Wissenschaftlern aus aller Welt die Initiative "Copenhagen Consensus", die eine Prioriätenliste der 10 drängendsten Probleme der Menschheit aufstellen soll.